Samstag, 14. Juli 2012

Liebe in der Belle Époque

Die Liebenden - Pierre-Auguste Renoir, 1875,
Öl auf Leinwand, Nationalgallerie, Prag
Das neunzehnte Jahrhundert leitet in Europa die Romantik ein: Die verspielt verträumte Stilrichtung, die zu Beginn des Jahrhunderts als Gegenrichtung zur nüchternen Aufklärungen beginnt und sie dann allmählich in Kunst und Denken ablöst. Dass der Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Epoche der Romantik ist, schlägt sich nicht nur in Kunst und Philosophie wieder, sondern auch in der Mode und mit dem Umgang mit der Romantik an sich. Ein großes Thema, das die Menschen auch heute noch interessiert, ist die Liebe. „Die Liebe funktioniert immer gleich“, werden viele denken, doch ganz so einfach ist es nicht. Denn auch ein Gefühl wie Liebe wird von gesellschaftlichen Umständen, Normen und Regeln beeinflusst. Und diese äußeren Umstände, unter deren Einfluss die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts geliebt haben, erfahren zu Beginn der viktorianischen Epoche in England eine drastische Veränderung. Victoria, die junge Königin, lebt ihrem Volk die Liebe vor. An ihrer Seite steht Prinz Albert. 

Liebe zu Victorias Zeiten

Trotz ihres Standes ist Victoria keine arrangierte Ehe, bei der Status, Vermögen und gute Verbindungen im Vordergrund stehen, eingegangen, sondern eine Liebeshochzeit, hat sich gegen die Gegenstimmen, die ihr den deutschen Prinzen ausreden wollten, durchgesetzt. Ein neues Ideal wird geboren. Ein Ideal, so muss man sich immer wieder vor Augen halten, bedeutet aber natürlich noch keine gesellschaftliche Norm. Arrangierte Ehen waren weiterhin besonders in den gehobenen Schichten Gang und Gäbe. Die junge Debütantin aus adeligen Kreisen durfte natürlich von der wahren Liebe träumen, doch sollte sich ihre wahre Liebe als Stalljunge herausstellen, wurde eine Hochzeit aus Liebe trotzdem nicht in Betracht gezogen, sondern ein von Stand und Einfluss her angemessener Partner ausgesucht. Ideal ist natürlich ein Zusammenspiel aus Liebe oder zumindest tiefer Zuneigung und dem passenden sozialen Ansehen und Vermögen, um eine „Liebeshochzeit“ feiern zu können. Doch generell ist es ein Irrglaube, dass die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts romantische Liebe als unwichtig betrachtet hätten. Besonders für Frauen konnte eine lieblose Ehe sogar gesellschaftliche Konsequenzen haben. 

Wie in jedem anderen Bereich des öffentlichen Lebens im neunzehnten Jahrhundert, wurde die größte Erfüllung für die Frau darin gesehen, eine liebende Ehefrau und Mutter zu sein. War sie das nicht, selbst, wenn es nicht ihre Schuld war, war sie an ihrer Lebensaufgabe gescheitert. Dieses Konzept der romantischen Liebe, und das muss bei einem Artikel wie diesem einfach zuvor gesagt sein, scheitert an den strengen Rollenbildern der Epoche. Bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein ist die Ehefrau der Besitz des Mannes und ihre Aufgabe ist es, ihm das Leben lebenswert zu machen, ihm Kinder zu schenken, seinen gesellschaftlichen Ruf zu wahren und ihm ein schönes Heim zu bereiten. Betrachtet man das Konzept von Liebe im viktorianischen Zeitalter unter diesen gesellschaftlichen Normen, fällt es schwer, die Romantik in solch einem Arrangement zu erkennen. Natürlich muss allerdings auch hier einmal mehr darauf hingewiesen werden, dass es liebevolle Ehen gegeben hat und bei Weitem nicht jede Frau unter der Ehe gelitten hat. Trotzdem ist eine Frau für große Teile der Epoche ihrem Ehemann ausgeliefert. Ihr Ruf und ihr Wohlergehen beruhen auf seinem Wohlwollen. Hier lässt sich meiner Meinung nach eine weitere Doppelmoral der Epoche erkennen, die romantische Liebe als verklärtes Ideal feiert und Beziehungen zwischen Mann und Frau durch ungleiche gesellschaftliche Rollen gleichzeitig zum Abhängigkeitsverhältnis verkommen lässt.

Zuerst muss man sich jedoch fragen, wie eine junge Dame aus höheren Kreisen überhaupt zu einem  geeigneten Ehemann kam. Einer jungen unverheirateten Frau aus der Oberschicht war es nicht erlaubt, allein umherzulaufen, sie wurde jederzeit von ihrer Mutter, einer anderen verheirateten Frau oder einer sogenannten Gouvernante begleitet, die darauf achteten, dass der sehr fragile Ruf einer jungen Dame intakt blieb. Chancen den zukünftigen Ehemann zu treffen, ergaben sich für Frauen im heiratsfähigen Alter auf Bällen oder anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren wurde eine junge Frau in die Gesellschaft eingeführt. Dies bedeutet, dass sie nicht mehr als Kind betrachtet wurde, und von nun an gesellschaftliche Verpflichtungen zu erfüllen hatte. Das Privileg, die großen Bälle und Feste zu besuchen, hat allerdings durchaus nur einen Zweck: Einen geeigneten Bräutigam zu finden. Ideal war es, wenn das Mädchen innerhalb seiner ersten Saison verlobt war. Im Alter von rund siebzehn Jahren also. Mit jeder Saison, die eine Frau unverlobt blieb, wurde es schwerer, geeignete Männer kennenzulernen, da diese oft die Debütantinnen vorzogen.

Die Kunst des Verlobens

Hatte jedoch ein Mann Interesse bekundet, gab es mehrere Regeln, die dafür sorgen sollten, dass die Situation schicklich blieb. So durften nicht mehr als drei Tänze mit demselben Mann getanzt werden ohne, dass die Situation riskant wurde. Es war jungen Männern außerdem nicht erlaubt, junge Frauen einfach anzusprechen. Man musste sich durch einen gemeinsamen Bekannten vorstellen lassen, bevor man ein Gespräch beginnen konnte. War man interessiert, überreichte man dem Mädchen seine Karte. Der junge Mann übernahm während der Tänze die Verantwortung für die Dame: Konnte er nicht dafür sorgen, dass sie Spaß hatte und sich wohlfühlte, gefährdete wiederum er seinen Ruf als akzeptabler Ehemann. Seine Zuneigung zeigte man nicht durch offen ausgesprochene Worte, sondern durch kleine Zeichen und Symbole. Karten und Briefe durften geschrieben werden, doch auch Blumen waren beliebt. Jede Blume hatte eine eigene Bedeutung, die es möglich machte, auf subtile Weise seine Liebe zu gestehen – oder mitzuteilen, dass man das Interesse an der jungen Frau verloren hatte. 

Im unteren Bürgertum oder der Arbeiterklasse musste man sich wiederum um diese Dinge keine Gedanken machen. Man traf sich ähnlich wie heute in den Tanzhallen oder auf der Straße, konnte sich ungezwungen treffen und heiraten ohne auf die Etikette achten zu müssen. Besonders das Bürgertum amte die Gepflogenheiten des gehobenen Bürgertums und des Adels allerdings nach: Grußkarten, Blumen und derlei Dinge waren auch hier beliebte Symbole. Eines zählte jedoch in allen gesellschaftlichen Schichten: Die junge Frau sollte vor der Ehe jungfräulich sein. Kam heraus, dass ein Mädchen außerehelich sexuelle Kontakte gehabt hatte, schmälerte das ihren „Wert“ als Braut beachtlich. In den gehobenen Kreisen konnte es eine junge Frau ruinieren, wenn solches Wissen die Runde machte. Selbst, wenn es sich nur um ein Gerücht handelte, hatte Gerede dieser Art meist schlimme Folgen für den Ruf und die Aussicht auf eine gute Heirat. Doch auch für arme Frauen konnten sexuelle Kontakte vor der Ehe ähnliche Folgen haben. 

Fanden eine junge Frau und ein junger Mann Gefallen aneinander, wurde die Zeit des Umwerbens eingeleitet. Wie diese abzulaufen hatte, war gesellschaftlich ebenfalls festgelegt. Meist unterhielt man sich zuerst des Öfteren zu sozialen Anlässen, bevor es erlaubt war, miteinander spazieren zu gehen – natürlich in Begleitung der Gouvernante. Daraufhin konnte der junge Mann seine Angebetete daheim besuchen. Auch hier muss nicht erwähnt werden, dass Mutter oder Gouvernante bei diesen Besuchen anwesend sein mussten. Es ist übrigens keine Pflicht, dass sich eine junge Frau von nur einem jungen Mann umwerben lässt. Sie kann und soll Beziehungen zu mehreren Männern aufbauen. Am Ende der Saison hat sie so mehrere akzeptable Kandidaten gesammelt und kann, mithilfe der Mutter oder anderen Frauen in ihrem Leben, entscheiden, welcher der jungen Herren ihr am ehesten eine erfüllte Zukunft bieten kann. Hierzu wurde in Erfahrung gebracht, welches Einkommen die Männer hatten, welche Herkunft und welchen sozialen Stand, bevor eine Entscheidung getroffen wurde.

Behält man im Gedächtnis, dass der Ehemann das Wohlergehen seiner Ehefrau in der Hand hielt, und das ein ganzes Leben lang, wirken diese Vorkehrungen keinesfalls so oberflächlich oder gar hinterhältig, wie Hollywood sie uns manchmal verkaufen will. Mütter, Tanten, Schwestern und Freundinnen wollten ganz sichergehen, dass das Mädchen keinen Fehler machte und sich in lebenslanges Unglück stürzte. Romantische Liebe, das neue viktorianische Ideal, spielte hier durchaus eine Rolle, doch dazu, was Liebe in den Augen der Viktorianer überhaupt ist, werde ich später kommen. Nun ist es erst einmal Zeit, das Umwerben zu beenden. Hatte das Mädchen sich entschieden, welchen ihrer Verehrer sie heiraten wollte, stand einer Verlobung nichts mehr im Wege. Nun musste es aber darauf warten, dass der Auserwählte ihr auch tatsächlich den erwarteten Heiratsantrag machte. Im Gegensatz zu heute beliebten Stereotypen, war es jungen Damen durchaus erlaubt, einen Heiratsantrag oder zwei abzulehnen. Schließlich konnte es sein, dass sie auf den Antrag des Richtigen warteten, weshalb niemand erwarten konnte, dass der Antrag eines anderen angenommen wurde. Lehnte die Dame allerdings grundlos mehrere Anträge ab, konnte das ihren Ruf durchaus beeinträchtigen.

Der Diamantring - Verlobung in der Belle Époque

Auch konnte eine Verlobung zu Beginn noch problemlos gelöst werden. Deshalb war es Brauch, die Verlobung erst einige Wochen später bekannt zu geben, damit sie, falls sich einer der beiden Partner doch als ungenügend herausstellte, nicht vor den Augen der gesamten feinen Gesellschaft gelöst werden musste. Verwandte und enge Freunde des Paares aber wussten natürlich von Anfang an Bescheid. Sobald die Verlobung offiziell bekannt gegeben wurde, wurde von der Brautmutter ein Dinner ausgerichtet, bei dem der Bräutigam die Familie der Braut kennen lernen sollte. An zweiter Stelle wurde wiederum die Braut der Familie ihres Bräutigams vorgestellt. Eine Verlobung konnte mehrere Jahre andauern, sollte aber mindestens ein halbes Jahr andauern, bevor geheiratet wurde. Wann das Paar heiratete, wurde von Fall zu Fall entschieden, da mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Das Alter der Brautleute zum Beispiel, aber auch äußere oder familiäre Umstände. Viele Mädchen der gehobenen Schichten verlobten sich noch als Jugendliche, heirateten aber erst mit neunzehn oder in ihren frühen Zwanzigern.

Zur Verlobung gehörte genau wie heute auch ein Verlobungsring. Beliebt war ein einfacher Ring mit einem Diamanten, da der Diamant für Unschuld stand. Auch beliebt war es aber, mehrere verschiedene Edelsteine einsetzen zu lassen, die jeweils einen Buchstaben bedeuteten. So konnte man der Verlobten die Liebe gestehen, oder ihren Namen mit Edelsteinen schreiben. Auch der eigene Name als Erinnerung an den Verlobten war beliebt. Sobald das Paar verlobt war, war es ihm erlaubt, Ausflüge allein zu unternehmen und Zeit bloß miteinander zu verbringen. Allerdings mussten sie die Nacht getrennt verbringen: Wurde die Verlobung doch noch gelöst, durfte es keine Hinweise darauf geben, dass das Mädchen sexuelle Kontakte zu ihrem Verlobten geführt hatte, da dies einer erneuten Verlobung im Weg stehen könnte. Wollte hingegen ein Mann seinen Ruf bewahren, kam er nicht auf die Idee, eine Verlobung zu lösen. Tat er es dennoch, hatte es schwere gesellschaftliche Konsequenzen für ihn. Gegen den "Bruch eines Versprechens", wie das Beenden einer Verlobung genannt wurde, konnte sogar geklagt werden, damit der Verlobte dem Mädchen die Kosten des bereits erstandenen Hochzeitskleides oder andere Ausgaben im Namen der Verlobung erstattete. 

Das ideale Selbst - Konzepte von Liebe

Uns sind aus den viktorianischen Jahren unzählige Liebesgedichte erhalten, aber auch Ephemera wie Liebesbriefe, Valentinskarten und dergleichen. Das Ideal romantische Liebe ist also keine Romantisierung der Ära, sondern tatsächlich etwas, das im Bewusstsein der Menschen des neunzehnten Jahrhunderts eine große Rolle gespielt hat. Lieben und geliebt werden war ein Wunsch, den viele Menschen hegten, der jedoch aber in großen Teilen ein Wunsch blieb. Wie ich oben bereits erwähnt habe, gab es trotz des Ideals der romantischen Liebe aber viele andere Faktoren, die wichtiger waren, wenn man sich auf die Suche nach einem Ehemann machte. Liebe ist im neunzehnten Jahrhundert nicht unbedingt etwas, dass sofort da sein muss, wenn man sich verlobt. Liebe kann wachsen und über die Ehejahre entstehen, wie es auch in vielen Fällen geschehen ist. Zumindest kann in einer erfüllenden Ehe eine tiefe Zuneigung zwischen den Partnern entstehen und auch das verstehen die Viktorianer als romantische Liebe. Gelingt es jedoch einem Paar sich innerhalb aller zu beachtenden Faktoren zu verlieben und mit dem Eingeständnis ihres Umfeldes zu verloben, ist das Ideal erreicht.

Möchte man diese Dynamiken verstehen, muss man verstehen, wie Liebe im viktorianischen Zeitalter verstanden wurde. Heute hängen Liebe und Sexualität für viele Leute untrennbar zusammen. Ein Konzept, dass ich für ebenso ignorant halte, wie das Konzept der Viktorianer, nach dem romantische Liebe mit Sexualität nichts zu tun hatte. Die romantische, reine, emotionale Liebe galt als Gegenstück zur Sexualität, die als triebhaft, bestialisch und schmutzig verstanden wurde. Liebe und Sexualität sind verschiedene Dinge, die Hand in Hand gehen können, aber nicht müssen. Es kann Liebe ohne sexuelle Gefühle geben, doch andersrum ist das auch möglich. Trotz all ihrer Ideale ist das natürlich etwas, das auch die Viktorianer wussten und lebten, denn nicht jeder Mensch des neunzehnten Jahrhunderts lebte nach den Idealen seiner Epoche. Weshalb es aber besonders für Frauen so wichtig war nur zum eigenen Ehemann sexuelle Kontakte zu pflegen, erklärt sich natürlich mit dem Risiko der Schwangerschaft und sexuell übertragbarer Krankheiten, das im neunzehnten Jahrhundert sehr viel größer war als heute. Es erklärt sich aber auch, wenn man dem Kern des Konzeptes der romantischen Liebe ein wenig näher kommt: Im Zentrum der romantischen Liebe steht das "ideale Selbst". Unter diesem Selbst verstanden die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts das Individuum frei von allen sozialen Pflichten. Gesellschaftliche Rollen verformten das ideale Selbst, doch das war auch richtig so.

Denn dieses ideale Selbst sollte nur einer Person gezeigt werden und hier kommt die romantische Liebe ins Spiel. Denn romantische, ideale Liebe im neunzehnten Jahrhundert bedeutet nichts anderes, als nur einer einzigen Person zu zeigen, wer man wirklich war, was man wirklich dachte und welche Art von Person man außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge war. In dieser Zeit entsteht ein Brauch, den wir auch heute noch pflegen und den ich persönlich recht gefährlich finde: Das Erheben des romantischen Partners zur wichtigsten Person im Leben, zur einzigen Person, die einen wirklich kennt. Und hier kommt auch die Sexualität ins Spiel. Die Viktorianer hielten Sexualität für etwas, das unterdrückt und im Zaum gehalten werden musste. Teilen durfte man es deshalb nur mit der einen Person, die das "ideale Selbst" ohne gesellschaftliche Zwänge kannte. Und während die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts Liebe und Sexualität als Konzepte stark trennten, laufen sie hier doch wieder zusammen. Wirklich problematisch wird das Konzept, wenn man bedenkt, dass diese Intimität mit dem romantischen Partner keine Option war. Romantische Liebe, die ohne Sexualität funktioniert, ist auch heute noch eine sehr reale Form der Beziehung, die von der Gesellschaft nicht als "echte" Liebe akzeptiert wird. Die Frau des neunzehnten Jahrhunderts aber war verpflichtet, diese Intimität mit ihrem Ehemann zu teilen, selbst, wenn sie keinen Wunsch nach dieser Intimität spürte - ob sie den Mann liebte, oder nicht, hat damit allerdings nichts zu tun. Auch für Männer gilt dieser Konflikt natürlich genauso. 

Das viktorianische Verständnis von Sexualität, Körper, Gender und auch romantischer Liebe ist viel zu kompliziert, als dass ich es hier vollständig ausbreiten könnte, doch ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in das viktorianische Konzept von romantischer Liebe geben und die öffentlichen Vorgänge, die mit diesem Konzept einhergehen. Am Ende gilt, was immer gilt. Ein Ideal ist das Wunschbild, das eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern malt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das viktorianische Zeitalter kannte Liebeshochzeiten, es kannte jedoch auch arrangierte Ehen. Es kannte Liebe auf den ersten Blick, aber es kannte auch tiefe Zuneigung, die sich erst nach einigen Ehejahren entwickelte. Es kannte erfüllte, glückliche Ehen, die mit Sex funktionierten oder ohne. Es kannte die Unterdrückung aller sexuellen Gefühle genauso, wie sehr offene, sexuelle Beziehungen ohne Zwänge. Genauso kannte es viele Frauen und Männer, die in der Ehe von gesellschaftlichen Normen zu Dingen gezwungen wurden, die sie nicht wollten. Vor allem aber schafft das neunzehnte Jahrhundert das Bild vom romantischen Partner als einzig wirklich wichtiger Person im Leben, ein Bild, das auch heute noch unser gesellschaftliches Zusammenleben stark bestimmt und das ich persönlich in dieser Form nicht gutheißen kann. Ich werde zu diesem sehr komplexen Thema sicherlich noch weitere Artikel schreiben, sodass am Ende vielleicht ein detailliertes Bild von Liebe und Sexualität im viktorianischen Zeitalter und den Auswirkungen dieser neu entwickelten Modelle auf uns heute entstehen kann.

Selbst nachlesen?

Hoppe, Michelle J.: Courting the Victorian Woman. 1998.

Lystra, Karen: Searching the Heart.Women, Men and Romantic Love in Nineteenth-Century America. 1993.

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