Freitag, 27. Juli 2012

Die olympischen Spiele - Eine viktorianische Erfindung?

Baron Pierre de Coubertin, 1915
Quelle: Library of Congress
Es ist allgemein bekannt, dass die olympischen Spiele eine griechische Erfindung sind und bereits 2000 Jahre vor Christus stattgefunden haben. Die Spiele sind nach dem ersten Austragungsort - Olympia auf der Peloponnes - benannt. Eine Olympiade bezeichnete in der Antike nicht die Spiele selbst, sondern den Zeitraum von vier Jahren, der jeweils durch die Spiele eingeleitet wurde. Wie genau kam es zur Erfindung der olympischen Spiele in der Antike? Den Menschen damals ging es nicht darum ein sportliches Zusammentreffen zu begehen. Die Spiele wurden als Ehrung der Götter Pelops und Zeus verstanden und es wurde nicht nur Sport gemacht, sondern auch musikalische Wettbewerbe durchgeführt. Wer die Spiele gewann, galt als Favorit der Götter - denn diese mussten ihm geholfen haben, zu gewinnen. Wer verlor hatte hingegen eine Menge Spott zu ertragen und kehrte meist auf großen Umwegen zurück in seine Heimat, um niemandem zu begegnen.


Die Geschichte der olympischen Spiele

Damals galt es übrigens, sehr mutig zu sein, wenn man an den Spielen teilnehmen wollte, denn es war nicht ungewöhnlich, dass die Teilnehmer bei den Spielen umkamen - es konnte sogar passieren, dass man postum zum Sieger erklärt wurde. Daran hatte ein Olympionike selbst natürlich nicht mehr besonders viel Freude, doch es galt als Ehre für die Menschen in seiner Heimat. Die Olympischen Spiele im alten Griechenland waren also ein religiöses Fest, bei dem nicht Spaß und Sport im Mittelpunkt standen, sondern die Ehrung von Gottheiten. Ein großer Unterschied zu den modernen Spielen ist, dass bloß Griechen teilnehmen durften. Somit sind die antiken Spiele viel eher ein religiöses Volksfest, als ein globales Zusammentreffen verschiedenster Sportler, wie heute. Natürlich gehen unsere modernen Spiele auf diese frühen Spiele zurück, doch dahinter steckt viel mehr. Denn um das Jahr 400 nach Christus herum wurden die Olympischen Spiele verboten. Rom hatte Griechenland erobert und alle heidnischen Feste und Rituale wurden verboten, wozu natürlich auch die Olympischen Spiele zählten. Wieso aber finden dann heute noch - oder eher wieder - alle vier Jahre die Olympischen Spiele statt? Und da kommen die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts ins Spiel.

Die Idee einer Wiederbelebung der Spiele geht ab 1700 immer mal wieder durch die Neuzeit, zum Beispiel wurden in Frankreich zur Zeit der Revolution zwischen 1796 und 1798 jedes Jahr die Olympiades de la République durchgeführt: Schon am Namen ist erkennbar, dass es sich dabei um Spiele nach antiker Tradition handelte. Doch dieser Versuch und ähnliche die Olympischen Spiele erneut zu feiern waren sehr kurzlebig und bald wieder vergessen. Die Olympischen Spiele, wie wir sie heute kennen, gehen auf die Belle Époque zurück. Denn in dieser Epoche kam einiges zusammen, dass die Olympischen Spiele zum gesellschaftlichen Event machen sollte. Zum einen sahen die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts den Sport als Ergänzung eines gesunden Geistes an - bloß jemand, der Sport trieb und einen gesunden Körper hatte, konnte auch seinen Geist in Ordnung halten. Dazu kommt, dass in diese Epoche auch die Verehrung von antiken Idealen fällt. Die Ideen der griechischen Denker kamen genauso wieder in Mode wie ihr Baustil und 1875, fast hundert Jahre nach ihrer Wiederentdeckung, begann man in Olympia die verschütteten alten Tempel wieder auszugraben - Die Archäologie hatte sich zur Wissenschaft aufgeschwungen. Dazu kommt sicherlich auch die einsetzende und rapide fortschreitende globale Vernetzung des späten neunzehnten Jahrhunderts.

Die Olympischen Spiele in der Belle Époque 

Der französische Baron Pierre de Coubertin hatte die Idee, die alten griechischen Ideale auch auf die Sportwelt zu übertragen: Er war sich sicher, dass Frankreich 1871 den Krieg gegen Deutschland bloß verloren hatte, weil die Soldaten zu unsportlich gewesen waren, und wollte, dass Sportunterricht in allen Schulen eingeführt wurde, ein Plan, der sich bekanntlicherweise nicht bloß in Frankreich durchsetzen konnte. Doch er sah den Sport gleichzeitig als einen Weg, den Frieden zwischen den Ländern zu verfestigen: Anstatt sich gegenseitig totzuschießen, sollten die verschiedenen Länder in sportlichen Disziplinen gegeneinander antreten und so ihre Kräfte auf friedliche und faire Weise messen. Der Baron fand, dass dazu die alten griechischen Olympischen Spiele der beste Weg seien. Er dachte sich auch, dass es deswegen eine gute Idee sei, den Austragungsort der Spiele immer wieder zu wechseln, damit jedes Land einmal Gastgeber sein und die neue Idee von sportlichem friedlichem Wettkampf verbreiten konnte.

1894 präsentierte er diese Pläne einem internationalen Kongress in Paris und die Ideen schienen zu gefallen, denn man einigte sich darauf, die ersten Spiele der Neuzeit 1896 in Athen durchzuführen. Die Spiele wurden ein großer Erfolg und die nächsten Spiele fanden 1900 während der Pariser Weltausstellung statt. Auch 1904 in St. Louis waren die Spiele in eine Weltausstellung eingegliedert, was beinahe schief gegangen wäre, denn durch schlechte Organisation gewannen beide Spiele nicht besonders viel Aufmerksamkeit. Trotzdem kann man sagen, dass die modernen Olympischen Spiele, wie wir sie heute kennen, in den 1890ern von einem französischen Baron ins Leben gerufen wurden, nachdem sie jahrhundertelang in Vergessenheit geraten waren. Heute haben die Spiele einen ganz anderen Sinn als im antiken Griechenland, nämlich den, den sich Pierre de Coubertin gedacht hatte: In einem friedlichen Wettkampf messen sich Athleten der ganzen Welt. Und genau heute beginnen die Olympischen Spiele von London, weshalb ich euch die Spiele und ihren Ursprung näher bringen wollte.

Selbst nachlesen?

MacAloon, John R.: This Great Symbol. Pierre de Coubertin and the Origin of the Modern Olympic Games. 1981.

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