Sonntag, 1. Juli 2012

Anastasia Romanowa - Ein russischer Mythos

Portraitfotografie von Prinzessin Anastasia
Nikolaewna Romanowa, ca. 1914 
„Anastasia? Die kenne ich nur aus dem Film.“ So oder so ähnlich reagieren nicht wenige Leute auf den Namen der russischen Prinzessin, die nach ihrer Ermordung im Jahr 1918 zur Legende geworden ist. Nimmt man den Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1997 für das, was er ist – die romantisierte Geschichte einer Prinzessin auf der Suche nach ihrer Identität – bietet der Film tolle Bilder, schöne Lieder und eine romantische Geschichte. Schaut man sich die historischen Fakten genauer an, versteht man allerdings auch, weshalb viele Historiker und auch einige Romanownachkommen dem Film nicht viel abgewinnen können. Denn, dass er Fakten und Erwartungen an die russische Geschichte verdreht und teils vereinfacht, teils völlig falsch darstellt, das ist keine Frage. Und das besonders die Geschichte von „Prinzessin Anastasia“ auch vor dem Film bereits mehrmals verdreht und romantisiert wurde, weshalb heute kaum noch jemand genau weiß, wer das Mädchen war, das wirklich hinter dem Mythos steckt, das ist auch kein Geheimnis.

Deshalb möchte ich mich heute mit Anastasia beschäftigen. Auch auf den Mythos und darauf, wie er entstanden ist, werde ich eingehen, doch beginnen möchte ich mit einem knappen Portrait von Anastasia Nikolaewna Romanowa von Russland. Geboren wurde sie am 18. Juni 1901 als jüngste Tochter des Zaren Nikolaj II. von Russland und seiner Frau Alexandra Fjodorowna (geboren als Alix von Hessen-Darmstadt). Sie hatte drei ältere Schwestern, Tatjana, Olga und Maria, und einen jüngeren Bruder, den Zarewitsch Alexej. Anastasia Nikolaewna, wie sie gerufen wurde, wuchs genau wie ihre Geschwister trotz des hohen Standes sehr simpel auf: Sie war es nicht gewohnt, mit ihrem Titel angesprochen zu werden, nicht einmal von den Bediensten, und musste ihre Räumlichkeiten wie die meisten ärmeren Kinder selbst in Ordnung halten. Darüber hinaus schliefen die Zarenkinder auf dem Boden auf Feldbetten und nähten und strickten in ihrer Freizeit, damit die Ergebnisse für wohltätige Zwecke verkauft werden konnten. 

Anastasias kurzes Leben – Die russische Prinzessin als Kind 

Anastasia war als sehr lebendig und aufgeweckt bekannt. Sie soll eine talentierte Schauspielerin gewesen sein und viel Humor gehabt haben, aber auch teilweise an die Grenzen des guten Geschmacks geraten sein. Mit anderen Kindern spielte sie nicht gerecht, trat und biss, wenn das Spiel nicht nach ihrem Willen verlief, kletterte auf Bäume und machte sich nichts aus ihrem Aussehen und gutem Benehmen. Ihre Kommentare waren oft so gemein, dass sie damit die anderen Mitglieder des Haushalts verletzte und ihre Streiche waren nicht selten gewalttätig. Ihre Cousine, die Prinzessin Nina Georgiewna von Russland, die die Russische Revolution überlebte, beschrieb Anastasia als Kind später als gehässig und fast schon böswillig. Gesundheitlich ging es Anastasia als Kind nicht gut. Sie litt an Ballenzehen, weshalb sie kaum ohne Schmerzen gehen konnte, und hatte schwache Rückennerven, die ihre Haltung beeinträchtigten. Innerhalb der Familie verstand sie sich am besten mit ihrer Schwester Maria Nikolaewna und dem kleinen Zarewitsch Alexej, dem jüngsten Zarenkind. 

Anastasia, die im Zeichentrickfilm eine schlanke, rothaarige Achtzehnjährige ist, soll in Wirklichkeit keine Schönheit gewesen sein. Sie selbst kümmerte sich darum aber sehr wenig. Sie soll ein wenig dicklich gewesen sein, mit rötlichem blonden Haar und blauen Augen. Anastasia trug ihr gesamtes kurzes Leben lang einen Pony, um eine Narbe auf der Stirn zu verstecken, die sie sich als Kind zugezogen hatte. Als der erste Weltkrieg ausbrach, war Anastasia dreizehn Jahre alt. Obwohl sie und Maria zu jung waren, um wie ihre Mutter und Olga und Tatiana als Pflegerinnen in den Soldatenlazaretten auszuhelfen, besuchten Anastasia und Maria die Soldaten oft und spielten Spiele mit ihnen. Allerdings kam es im Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges, wie er in Russland bekannt ist, auch zum Höhepunkt der Russischen Revolution, die ihren Anfang bereits 1905 in Arbeiterstreiks genommen hatte. Um zu verstehen, was in den folgenden Monaten in Russland geschah, muss ein wenig weiter ausgeholt werden.

Anastasias Land – Russland und die Revolutionen 

Vereinfacht gesagt hatte Zar Nikolaj II. durch sein Versagen während des Krimkrieges und des Ersten Weltkrieges in Russland einiges an Ansehen und Autorität eingebüßt. Russland hatte im neunzehnten Jahrhundert seine Vormachtstellung in Europa verloren und es war immer deutlicher geworden, dass das Land dem Rest Europas, was Gesellschaft, Wirtschaft und Industrialisierung anging, weit nachhinkte. 1905 macht der Zar den Fehler, die Spannungen zwischen Russland und Japan im Russisch-Japanischen Krieg aufgehen zu lassen, der das Volk von den innenpolitischen Problemen ablenken sollte, aber in der fast vollständigen Vernichtung der russischen Flotte und dem Sieg Japans endete. Das Vertrauen in den Zaren und die Monarchie war gebrochen. Dazu kommen eine große wirtschaftliche Krise innerhalb Russlands, die zu Hungersnöten auf dem Land und in den Städten führt, und unzulängliche Arbeiterrechte. Als in Sankt Petersburg im Februar 1905 ein friedlicher Arbeiterstreik blutig niedergeschlagen wird, kochen die Gemüter erst Recht auf. Der Zar versucht mit dem berühmten Oktobermanifest einzulenken und stellt Volksvertreter, die Duma. An sich bleibt allerdings alles beim Alten: Die Duma hat kein Entscheidungsrecht und der Zar zieht seine Versprechen einige Monate später zurück.

Das russische Volk ist sauer. In Sankt Petersburg, das erst seit Kurzem Petrograd heißt, kommt es 1914 zu einem besonders kalten Winter und es fehlt an Heizmaterial und Nahrung, da des Krieges wegen alles den Russischen Truppen zugeführt wurde. 1915 kommt es zur Inflation, die die Nahrungsmittelproduktion beinahe einfrieren lässt. 1917 kommt es zu Hungerrevolten in den großen Städten und zu weiteren Streiks. Der Zar lässt seine politischen Gegner einfach verhaften. Als es im Februar 1917 zum Generalstreik kommt, zeigt sich allerdings, dass er die Situation nicht im Griff hat: Im Verlauf der berühmten Februarrevolution stellen sich Militär und Polizei auf die Seite der für ihre Rechte eintretenden Bauern und Arbeitern und der diese unterstützenden liberalen Bürgerlichen und Adeligen. Die Sowjets werden gewählt – Arbeiter- und Soldatenräte, die bald eine neue, provisorische Regierung bilden. Als der Zar erneut versucht, die Duma einfach aufzulösen, kommt es zur Machtergreifung: Die Duma weigert sich, sie hat den Großteil des russischen Volkes auf ihrer Seite, und setzt den Zar einfach ab. Der Zar trifft die einzig sinnvolle Entscheidung und dankt ab: Die Romanowdynastie, die drei Jahrhunderte angehalten hat, ist vorbei. Der Zar und seine Familie werden unter Hausarrest gestellt, bis Ergebnisse vorliegen. 

Die Revolution allerdings nimmt eine unschöne Wendung. Lenin kehrt aus dem Exil zurück, stellt seine Aprilthesen auf und steht mit seinen Bolschewiki gegen die provisorische Regierung. Durch einen Putsch kommt es zur Machtübernahme der Bolschewiki: Während der Oktoberrevolution stürmen die Bolschewiki den Winterpalast, verhaften die Mitglieder der provisorischen Regierung und reißen die Macht in Russland an sich. Lenin ruft die sozialistische Sowjetrepublik aus und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Auch, wenn das nun ein sehr geraffter Bericht über die Ereignisse von 1905 bis 1917 ist, wird sicherlich schon ersichtlich, weshalb viele Historiker vom Zeichentrickfilm nicht begeistert sind: Denn dort wird es dargestellt, als hätte die Revolution bloß durch einen Zauber Grigori Rasputins stattgefunden und die Schwächen des Zaren und die durchaus verständlichen, wichtigen Anliegen der russischen Bürger und Bauern werden unter den Teppich gekehrt. Weshalb ich das an dieser Stelle ausbreite, dürfte ersichtlich werden, wenn wir uns weiter mit Anastasias Schicksal beschäftigen. 

Anastasias Schicksal – Die Ermordung der Zarenfamilie 

Anastasia in Tobolsk, Frühling 1918
Im Jahr 1917 wird Anastasia also gemeinsam mit ihrer Familie unter Hausarrest im Alexanderpalast im heutigen Puschkin gestellt – die provisorische Regierung ließ die Familie nach der Machtübernahme der Bolschewiki jedoch erst nach Tobolsk evakuieren und später nach Jekaterinburg bringen, aus Angst, die neue Regierung könnte der Familie etwas antun. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt erst sechzehn Jahre alt gewesen ist, erschließt sich aus Anastasias Korrespondenz, dass sie die politische Lage richtig einschätzen konnte und geahnt hat, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Sie, und auch ihre Geschwister, wurden melancholisch und apathisch. Alexej erkrankte schwer. Trotzdem hat Anastasia kleine Theaterstücke aufgeführt, um den Haushalt im Ipatjewhaus zu unterhalten und wurde von den meisten Soldaten als charmante, humorvolle junge Frau beschrieben, deren provokante Kommentare jedoch nicht selten für peinliche Stille sorgen konnten. Im Verlauf der Monate in Ipatjewhaus fielen den Soldaten und anderen Mitgliedern des Haushalts allerdings große Veränderungen in Anastasia und ihrer Familie auf. Was genau der Zarenfamilie in Ipatjewhaus widerfahren oder gar angetan wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Dass etwas geschehen sein muss, wird allerdings leider fest angenommen.

Auf die Russischen Revolutionen folgte der Russische Bürgerkrieg, eine unsichere, blutige Zeit für Russland. Das Schicksal der Romanows hing in der Luft. Auf der einen Seite standen die Bolschewiki, auf der anderen Seite die Verwandten der Familie, die ins Ausland geflohen waren und versuchten eine Auslieferung der Familie zu verhandeln. Am siebzehnten Juli 1918 nahmen die Verhandlungen ein trauriges Ende: Die Weiße Armee, die gegen die Bolschewiki um die Macht in Russland kämpfte, nähere sich Jekaterinburg. Die Bolschewiki ahnten, dass sie der Weißen Armee nicht standhalten konnten und befürchteten einen Sieg der Weißen, sollten diese die Zarenfamilie befreien können. Gegen Mitternacht wurde die Familie geweckt. Man sagte ihnen, sie sollten an einen sicheren Ort gebracht werden, da Jekaterinburg aufgrund des Bürgerkrieges nicht mehr sicher war. Stattdessen brachte man die Familie in den Keller von Ipatjewhaus, wo ohne Vorwarnung das Todesurteil gegen Zar Nikolaj II. ausgesprochen wurde. Der Zar soll erstaunt „Was?“ ausgerufen habe, bevor ein chaotischer Kugelhagel auf die Familie niederging. Der Zar, Zarin Alexandra, Olga und Zarewitsch sollen sofort tot gewesen sein. Anastasia, Tatjana und Maria aber hatten Juwelen in ihre Kleidung genäht, da sie Angst gehabt hatten, diese sonst nicht mitnehmen zu können. Die Schmuckstücke ließen die Kugeln abprallen, doch nachdem die Soldaten dies bemerkt hatten, töteten sie auch die drei Prinzessinnen. 

Anastasias Erbinnen – Von Anna Anderson zum Mythos 

Wo die Soldaten die Leichen der Zarenfamilie versteckten, war lange Zeit ein Geheimnis. Und hier komme ich zum Mythos Anastasia, der die Welt noch Jahrzehnte nach der Ermordung der Prinzessin beschäftigt hat. Schon im Frühjahr 1979 wurde das Grab der Zarenfamilie in einem Waldstück entdeckt, doch erst nach dem Fall der Sowjetunion, im Jahr 1991, wurden die Körper geborgen. Es handelte sich um Zar und Zarin und drei der Prinzessinnen. Zwei Leichen fehlten: Die einer Prinzessin und die von Zarewitsch Alexej. Und hier entsteht der Mythos, Anastasia oder Alexej könnte überlebt haben. Schon zuvor gab es jedoch Menschen, die behaupteten, ein Teil der verschwundenen Romanowfamilie zu sein, denn vor 1991 wusste schließlich niemand, was wirklich aus der Zarenfamilie geworden war. Die berühmteste dieser falschen Prinzessinnen dürfte Anna Anderson sein. Sie tauchte im Jahr 1920 in Deutschland auf, wo sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. Ab 1922 kursierte das Gerücht, sie könnte die tot geglaubte Prinzessin Anastasia sein. Sie wies schlimme Narben an Kopf und Oberkörper auf, die von den Bajonetten und Gewehren der Mörder ihrer Familie stammen sollten. 

Viele Adelige und berühmte Persönlichkeiten der 20er Jahren glaubten, dass die Unbekannte tatsächlich Anastasia war. Die Verwandten der Romanows, die die Frau in der Hoffnung treffen wollten, die verschwundene Verwandte wiederzufinden, stritten allerdings ab, dass sie Anastasia sein sollte. Für ein paar Jahre beeindruckte die junge Frau viele Menschen: Sie wusste Fakten über den Palast der Romanows, die nur eine Romanow wissen konnte, sie benahm sich wie Anastasia und sie wies die passenden Verletzungen und psychischen Folgen der Ermordung auf. Das Spiel wurde so weit getrieben, dass Anna Anderson sogar finanzielle Unterstützung erhielt. 1927 aber hatte es ein Ende: Es stellte sich heraus, dass die falsche Anastasia eine polnische Fabrikarbeiterin namens Franziska war. Ihre Traumata und Verletzungen stammten von einem Unfall im Jahr 1914, bei dem ihr in der Fabrik eine Granate aus der Hand fiel und explodierte. Trotzdem waren viele Menschen nicht überzeugt: Bis zu ihrem Tod 1984 behauptete sie selbst, Anastasia zu sein und das Gegenteil beweisen konnte ihr niemand. Erst nach dem Fund der Leichen im Wald bei Jekaterinburg und der folgenden Identifikation der Toten durch DNA-Analysen wurde die Lüge endgültig aufgedeckt: Anna Andersons DANN stimmte nicht mit der der Romanows überein. 

Einige Männer behaupteten außerdem Alexej zu sein und ein Soldat, der in Ipatjewhaus gedient hatte, behauptete steif und fest, er hätte Alexej und Anastasia, die jüngsten Zarenkinder, in Sicherheit gebracht. Doch wenn all diese Geschichten Lügen sind, was geschah dann wirklich mit Prinzessin Anastasia Nikolaewna? 2007 brachte ein weiterer Leichenfund traurige Gewissheit: Die Körper von Alexej und der vierten Prinzessin wurden in einem separaten Grab entdeckt. 2009 beweist ein DNA-Test: Die beiden Leichen gehören zu Alexej und wahrscheinlich Anastasia. Wahrscheinlich? Ja. Bis heute konnte nicht genau festgestellt werden, ob es sich bei der weiblichen Toten aus dem zweiten Grab wirklich um Anastasia handelt – oder ob Anastasia bereits 1991 zusammen mit dem Rest ihrer Familie geborgen wurde, und die Tote aus dm zweiten Grab nicht eher ihre Schwester Maria ist. Eines ist jedoch traurige Gewissheit: Alle Zarenkinder starben im Juli 1918. Prinzessin Anastasia hat nicht überlebt. Das Märchen von der entkommenden Prinzessin bleibt eine romantisierte Legende. Heute ist die Zarenfamilie in Sankt Petersburg bestattet und seit 2000 als Märtyrer heilig gesprochen. Am Tatort der Ermordung der Romanowfamilie, dem alten Standpunkt von Ipatjewhaus, steht heute die Kathedrale auf dem Blut, die bis heute für viele Anhänger der Zarenfamilie ein besonderer Ort ist. 

Selbst nachlesen?

Kurth, Peter: Anastasia. The Riddle of Anna Anderson. 1983.

Lovell, James Blair: Anastasia. The Lost Princess. 1991.

Rappaport, Helen: Ekaterinburg. The Last Days of the Romanovs. 2008.

Zeepvat, Charlotte: The Camera and the Tsars. A Romanov Family Album. 2004.

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