Donnerstag, 5. Juli 2012

Mode 1850: Der Aufstieg der Krinoline

Nachmittagskleid, ca. 1855, Metropolitan
Museum of Art
, Geschenk der University of
Virginia, Drama Department (1977)
Die 1850er mögen, was die Weltgeschehnisse betrifft, auf den ersten Blick ruhiger wirken, als die vorangegangenen Jahrzehnte. Von 1854 bis 1856 wird der große Krimkrieg ausgefochten und sieht nicht nur viel Tod und Gewalt, sondern auch die Revolutionierung des Pflegewesens durch Frauen wie Florence Nightingale und Mary Seacole. Außerdem in die 1850er fällt der zweite große Opiumkrieg mit China. In Frankreich geschehen mehrere erfolglose Attentate auf den neu zum Kaiser Frankreichs gekrönten Napoleon III und Japan öffnet seine Häfen wieder für den Handel mit dem Westen. Darüber hinaus wird die erste Nähmaschine auf den Markt gebracht, das erste Telegraphenkabel wird verlegt und Herman Melville veröffentlicht seinen Roman „Moby-Dick“. Zum Ende der Dekade, im Jahr 1859, veröffentlicht Charles Darwin seine berühmte Evolutionstheorie. 

Die Damenmode allerdings erlebt in den 1850er Jahren den Beginn einer Revolution. 1851 markiert den Beginn der Kleidungsreform – dem Bestreben nach praktischer, gesunder Mode für Frauen und gleichzeitig ein weiterer Schritt im Kampf um die Rechte der Frau in der westlichen Welt. Libby Miller aus den USA macht den ersten Schritt: Sie entwickelt Kleidung, die in ihren Augen gleichzeitig praktischer ist, aber immer noch nach den Normen ihrer Gesellschaft respektabel: Weite Hosen, die am Knöchel eng zulaufen, und darüber eine Art Tunika. Obwohl der Stil von Libby Miller erdacht wurde, wurden die Hosen von der Presse bald Bloomers genannt: Nach Amelia Bloomer, die das Outfit unerschrocken trotz des Spottes ihrer Gesellschaft zur Schau trug. Auf die Damenmode der Epoche hatten die Bloomers kaum einen Einfluss, doch sie sind der Beginn einer langen Reihe von Kleidungsreformen, die ihren Höhepunkt um 1900 herum finden. Was aber die generelle Mode der 1850 für die Damen der Gesellschaft parat hatte, ist nicht weniger interessant und anders, als die Moden der vorangegangenen Jahrzehnte.

Die Krinoline 

Im Verlauf der 1850er Jahre setzte sich der Trend fort, dass Röcke nicht weit genug sein konnten. Der zu erreichende Kontrast zwischen schmaler Taille und ausladenden Röcken sollte immer größer und auffälliger sein und bald reichte das in den 1840er Jahren entwickelte Verfahren, die Röcke direkt am Mieder zu befestigen und mit mehreren Schichten gestärkter Unterröcke aufzufüllen, nicht mehr aus. Zu Beginn der Dekade wurde das Volumen der Röcke durch mit Pferdehaar verstärkten Volantröcken erreicht, doch 1856 gelang der Durchbruch auf dem Gebiet mit der Krinoline. Die Volants waren nun nicht mehr nötig und Röcke fielen erneut glatt, manchmal in mehreren Gazelagen, wie bei dem Stück aus cremefarbener Baumwolle aus dem Jahr 1855, das ihr oben sehen könnt. Die Krinoline ist ein käfigartiges Gestell aus Stahl, das auf den Hüften befestigt wird und über das Unterröcke und Röcke gebreitet werden. Auf den ersten Blick kann man meinen, dass es eine große Last gewesen sein muss, die Krinoline auf den Hüften zu tragen, doch wahrscheinlich bedeutete die Neuerung in der Mode eher eine Erleichterung: Sie trug das große Gewicht der Stoffmassen und entlastete die Taille, auf der das Gewicht zuvor gelastet hatte. Aus diesem Grund empfand selbst Amelia Bloomer die Krinoline als gute Verbesserung der Damenmode. 

Trotzdem gab es berechtigte Kritik an der Krinoline: Nicht umsonst wurde die Krinoline tragende Frau als „Frau im Käfig“ betrachtet, denn nicht nur sieht die Krinoline aus wie ein Käfig, auch schränkt sie die Bewegungsfreiheit der Frau beträchtlich ein. Es ist möglich in einer Krinoline zu sitzen, doch durch schmale Türöffnungen oder Kutschentüren kommt eine Dame mit ausufernder Krinoline bloß schwerlich. Auch stellte die Krinoline eine regelrechte Gefahr da: Fing das Kleid Feuer, was bei den Ausmaßen der Kleider in den 1850er Jahren nicht selten geschah, bemerkte die Trägerin es oft zu spät, da die Röcke durch die Krinoline keinen Kontakt zum Körper mehr hatten. Durch den Dochteffekt, verstärkt durch die Form der Krinoline, schoss das Feuer außerdem oft in Sekundenschnelle hoch, sodass kaum eine Chance für die Frau bestand. Auch sorgte die Krinoline für einige Skandale: Unterhosen für Damen waren bis in die späten 1850er Jahre kein Muss, doch durch die Krinoline wurden sie zum gesellschaftlichen Zwang. Fiel eine Dame in einer Krinoline hin oder fuhr auch bloß der Wind unter die Krinoline, passierte es nicht selten, dass die Röcke hochflogen und die nackten Beine der Frau sichtbar wurden. 

Die Krinoline war ein Kleidungsstück, das nicht nur von den Damen der High Society getragen wurde, sondern durch alle Gesellschaftsschichten hinweg. Auch dies sorgte jedoch für viel Spekulation und Kritik. Die einen sahen die Krinoline als Ausdruck sozialen Standes und wollten ärmere Frauen deshalb nicht in dem Kleidungsstück sehen, die anderen fragten sich, wie Hausmädchen, Zofen oder Arbeiterfrauen in Krinolinen überhaupt ihrer Tätigkeit nachgehen sollten, das sie Rollen erfüllten, die eine große Bewegungsfreiheit voraussetzten. Außerdem gefährdeten sie den Ruf des Mädchens: Ein Hausmädchen muss sich öfter hinknien oder bücken, Bewegungen, die wohlhabende Damen weniger ausführten, was die Krinoline nicht mitmachen kann, ohne die Sicht auf die Beine freizugeben. In manchen Haushalten wurde es den Dienstbotinnen daher sogar verboten, die Krinoline während der Arbeit zu tragen. Auch in Fabriken waren Krinolinen ab 1860 verboten: Der Stoff war nicht selten in die Maschinen geraten und hatte zu tödlichen Unfällen geführt. 

Kleider, Stoffe und Hauben

Abendkleid, ca. 1858, Metropolitan Museum
of Art,
Brooklyn Museum Costume
Collection, Geschenk des Brooklyn
Museum, Gabe von Beatrice Collins (1973)
Ansonsten änderte sich der Schnitt der Kleider im Vergleich zur vorangegangenen Dekade bloß geringfügig. Bei Abendkleidern waren weiterhin tief auf den Schultern sitzende kurze Ärmel beliebt, die die Schultern schmaler wirken ließen. Nachmittagskleider waren meist höher geschlossen und hatten glockenförmige Ärmel oder Pagodenärmel, wie ihr sie an dem Stück oben sehen könnt. Auch beliebt wurden falsche Unterärmel aus Leinen oder Spitze, die unter den Ärmel hervorschauten. Die Stoffe der Zeit führten die romantische Tradition der vorangegangenen Jahre fort und waren mit delikaten Mustern bedruckt. Modern war es außerdem, einen anderen Druck rund um den Saum herum anzubringen. An dem Stück rechts, das gegen Ende der Dekade zu einem Empfang im Weißen Haus getragen wurde, könnt ihr ein ähnliches Vorgehen sehen: Das delikate Blumendruckmuster wird durch breite blaue Seidenstreifen unterbrochen, die sich zwar nicht am Saum befinden, aber eine ähnliche Funktion haben: Sie akzentuieren die Form des Kleides und lassen es länger erscheinen. 

Interessant ist ganz bestimmt auch der Druck des Gazekleides, das ihr oben sehen könnt. Das Butamuster mag an die belieben Muster aus Persien und Indien erinnern, ist aber auf einen ungewöhnlichen Stoff gedruckt, auf gewöhnliche Baumwolle. Das Paisleymuster, das bis heute beliebt ist, war zu Beginn der 1850er so beliebt geworden, dass die Assoziation zum Orient und zur jungen Kolonie Indien kaum noch gemacht wurde. Das Pasileymuster begegnet einem oft, wenn man sich in der Mode des mittleren neunzehnten Jahrhundert umsieht, auf Wolle und Seide gedruckt, aber auch als Halsbinde für Herren oder als Schultertuch. Die Mäntel und Jacken der Dekade waren einmal mehr bloß elegante Capes aus schönen Stoffen, die Schlitze für die Arme aufwiesen und meist bis zu den Knien reichten. Diese Capes waren so geschnitten, dass sie über die Krinoline gebreitet werden konnten.

Während das Haar genauso getragen wurde, wie in den 1840ern – am Hinterkopf zum Knoten gesteckt oder geflochten und mit zu Locken gebrannten Strähnen, die das Gesicht einrahmten – veränderte sich die Haube maßgeblich. Die Rüschen- oder Leinenhaube, die verheiratete Damen im Haus trugen, verlor an Beliebtheit: Sie war mittlerweile eher als Verzierung zu verstehen und bestand aus Bändern und Rüschen, die am Hinterkopf festgesteckt waren oder mit Bändern unter dem Kinn gebunden. Hauben für draußen behielten die Form der 1840er bei, mit der senkrechten Krempe, die das Gesicht einfasste, wurden jedoch zunehmend ausladender dekoriert. Hierzu konnten Stoffblumen oder echte Blumen verwendet werden, Schleifen, Bänder und andere, manchmal auf die Jahreszeit abgestimmte, Verzierungen. Hauben waren im Sommer meist aus Stroh oder leichtem Stoff und im Winter aus dickerem, warmhaltenden Stoff. Meist besaß eine Dame mehrere Hauben, die in Farben und Mustern mit ihrer Garderobe harmonierten.

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Tozer, Jane & Levitt, Sarah: Fabric of Society. A Century of People and Their Clothes 1770–1870. 1983.

Waugh, Nora: Corsets and Crinolines. 2015. 

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