Der Alltag eines viktorianischen Kindes

Never Mind! - Frederick Morgan, 1884
Je nachdem, wo und in welcher Gesellschaftsschicht ein Kind geboren wurde, sah eine viktorianische Kindheit aus: Natürlich erging es den Kindern reicher Leute um einiges anders, als denen armer Leute und deshalb teile ich dieses Thema in zwei Einträge. Beginnen werde ich mit den Kindern wohlhabender Viktorianer aus dem gehobenen Bürgertum und des Adels.

Vorweg muss gesagt werden, dass erst im Laufe des viktorianischen Zeitalters angedacht wurde, dass Kinder nicht einfach kleine Erwachsene sind, sondern eben Kinder mit eigenen Identitäten und eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen von der Welt. Erst in den Jahren zwischen 1837 und 1901 wurde der Spielzeugmarkt richtig angekurbelt und es gab Gesetze über die Kinderarbeit, die für uns heute immer noch fast unmenschlich wirken, damals jedoch ein großer Schritt in die richtige Richtung waren. Denn zuvor galten arme Kinder als genauso gute Arbeitskräfte wie Erwachsene, die oft an Orten eingesetzt wurden, die für ausgewachsene Menschen schwer erreichbar waren - besonders im gefährlichen Kohleabbau waren viele arme Kinder anzutreffen, aber auch in Fabriken. Was für uns heute ganz selbstverständlich ist: Dass Kinder eben Kinder sind, die sich noch entwickeln müssen, ist eine Erkenntnis, die sich erst zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wirklich durchzusetzen weiß. 

Kindermoden - Mädchenkleider und Matrosenanzüge

In der oberen Gesellschaft war besonders ab den 1840er Jahren ein Phänomen zu beobachten, das man vielleicht als Baby-Hype bezeichnen kann: Das eigene Kind war nun nicht mehr bloß Nachwuchs, sondern auch Statussymbol. Man begann, mit seinem Baby anzugeben und kleidete es hierzu - egal ob Junge oder Mädchen - in lange weiße Kleidchen, die mit Rüschen und Bändern verziert waren. Jungen und Mädchen wurden im viktorianischen Zeitalter erst ab dem Alter von 5 Jahren wirklich als denkende Person angesehen und dort begann auch die Geschlechtertrennung. Davor durften Mädchen zum Spielen auch praktischere Bloomers tragen und Jungen hatten Kleider an, weil es bei der umständlichen Hosenmode - es gab schließlich noch keinen Reisverschluss - so leichter war, zur Toilette zu gehen. Es gab außerdem extra Häubchen und Capes für Babys, die das Kind auf Spazierfahrten durch Parks oder ruhige Stadtgegenden tragen konnte. Das eigene Baby sollte so viel hermachen, wie möglich. Wie dieser Babytrend entstand, ist umstritten, doch natürlich wird auch hier Queen Victoria verdächtigt, die selbst neun Kinder hatte und die Familie als obersten Wert ansah, eine Gesinnung, die im viktorianischen Großbritannien auf viel Zuspruch traf. 

Rückansicht eines französischen
Mädchenkleides, 1886, Met Museum
Was hatten aber ältere Kinder an? Auf dem Bild rechts kann man es schon erahnen, der Trend der vorigen Jahrhunderte, Kinder in kleine Erwachsenenkleider zu stecken, zieht sich auch durch das viktorianische Zeitalter. Dieses Kleid aus dem Jahr 1886 wurde der damals siebenjährigen Miss Barber, die das Kleid später dem Museum überlassen hat, auf den Leib geschneidert und ähnelt in Schnitt und Stoff deutlich der Erwachsenenmode des Jahrzehnts. Allerdings reicht der Rock dem Mädchen bloß bis zum Knie und verschafft Beinfreiheit. Trotzdem ist dieses Kleid bei Weitem kein Spielkleid: Es ist aus sehr teurem Stoff gefertigt und war sicherlich als Prestigesymbol der jungen Miss Barber gedacht. Ich habe eine Rückenansicht ausgewählt, um euch die angedeutete Tournüre zu zeigen. Die meisten jungen Mädchen trugen keine schweren Tournüren, denn die starke Betonung des Körpers erschien auch den Viktorianern nicht angebracht für ein Kind, stattdessen deutete man die Mode durch geschickt geschneiderte Applikationen und Drapierungen an.

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde es für Jungen etwas besser, wozu ich später noch kommen werde, doch Mädchen mussten noch bis in die 1880er Jahre mit den steifen, schweren Kleidern, die denen ihrer Mütter glichen, auskommen. Und, ja, auch das Korsett war bereits Teil der Aufmachung eines kleinen Mädchens, damit es sich gleich daran gewöhnte. Natürlich wurden Kinderkorsetts jedoch bloß locker geschnürt. Erst gegen 1890 wurden auch weite Kleider für Mädchen akzeptiert, in denen sie sich besser bewegen konnten. Für die Länge der Röcke gab es ganz penible Regeln. Der Rock eines Mädchens von bis zu vier Jahren musste kurz unter dem Knie enden und wurde dann alle paar Jahre länger. Eine Zehnjährige trug ihre Röcke bis ungefähr zur Mitte des Schienbeins, ab vierzehn Jahren hatte der Rock dann knapp über dem Fuß zu Enden und ab dem sechzehnten Lebensjahr, ab dem das Mädchen meist nicht mehr als Kind, sondern als junge Dame galt, musste der Rock bodenlang sein, wie der ihrer Mutter. Natürlich wurden immer lange Strümpfe getragen, kein Mädchen aus gutem Hause ging mit nackten Beinen aus dem Haus.

Die Jungen hatten es, wie bereits angedeutet, ab den 1860er Jahren leichter, nachdem der Knickerbocker-Anzug für kleine Jungen in Mode kam. Zuvor trugen sie kleine Anzüge, die denen des Vaters ähnelten und für Kinder natürlich zu steif und kompliziert war. Der neue Knickerbocker-Anzug bestand aus einer Jacke, die bloß im Nacken geschlossen wurde und locker saß, einem einfachen weißen Hemd und den berühmten Kniehosen, die zu Beginn der Epoche noch unter dem Knie gebunden wurden, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts jedoch offen herab hingen. Neben dem Knickerbocker-Anzug waren Seemannsanzüge für kleine Jungen groß in Mode, nachdem Queen Victoria ihren Sohn Albert Edward in einem porträtieren ließ. Diese bestanden meist ebenfalls aus Knickerbocker-Hosen und einem Hemd mit einem quadratischen Kragen, wie man ihn von den Uniformen von Seemännern kennt. Ein passender Hut gehörte auch dazu. Jungen trugen diese Kindermoden jedoch bloß bis sie ungefähr zehn bis zwölf Jahre alt waren, dann trugen sie ähnliche Anzüge wie ihre Väter.

Das Spielzimmer - Arche Noah und Schaukelpferd 

Und was machten die Kinder den ganzen Tag lang? In den Häusern der oberen Gesellschaft und auch zunehmend in denen der Mittelklasse gab es so genannte Nurseries, Kinderzimmer, in denen es eigentlich alles gab, das den Kindern beim Zeitvertreiben helfen sollte. Das Kindermädchen der Kinder brachte ihnen in jungen Jahren ein angemessenes Allgemeinwissen bei und lehrte die Mädchen zudem bereits Dinge, die sie später im Haushalt gebrauchen konnten, zum Beispiel Nähen und Sticken. Das Nähen war in den oberen Schichten natürlich bloß ein Hobby und sollte beweisen, dass die Dame des Hauses auch Nähen könnte, wenn sie denn müsste. Die wirklichen Näharbeiten, wie das Ausbessern von Kleidern, erledigten die Bediensteten. Die Damen des Hauses bestickten zum Zeitvertreib Taschentücher und Deckchen. Waren die Kinder nicht beim Unterricht und hatten Freizeit, verbrachten sie ihre Zeit in der Nursery, den draußen spielen durften Kinder aus den gehobenen Klassen natürlich bloß im Beisein des Kindermädchens und dann eher im Garten oder im Park, als auf der Straße.

In der Nursery gab es alles, was das Kinderherz begehrte: Angefangen bei Tapeten mit hübschen, kindgerechten Mustern und kleinen Tischchen und Stühlchen. Viele kleine Mädchen hatten sogar ganze Teesets, oft sogar aus echtem wertvollen Porzellan, mit denen die Teepartys der erwachsenen Damen nachgestellt wurden. Das war allerdings erst gegen Ende der Ära Gang und Gäbe, zu Beginn war die Nursery bloß ein Zimmer, in dem man sein neues Baby regelrecht ausstellte und den Gästen präsentierte, die zu Besuch kamen um das Kind zu begrüßen und angemessen zu bewundern. Was das Spielzeug anging, begann im neunzehnten Jahrhundert der Aufstieg des Spielzeugmarktes. Zuvor hatte es kaum Spielzeug gegeben und wenn, war es meist selbstgemacht gewesen. Nun begann man jedoch, Kinder als Konsumenten wahrzunehmen. Der Blick auf das Kind wandelte sich: Es hatte kein kleiner Erwachsener mehr zu sein, sondern sollte nun eine unschuldige, behütete Kindheit verleben dürfen und dazu gehörte es, zu spielen. Die industrielle Fertigung von Spielzeug wurde beliebter und beliebter, da Kinder aus den gehobenen Schichten natürlich nur das beste Spielzeug haben sollten und nicht die kruden selbst geschnitzten Puppen und Figuren, wie ärmere Kinder sie manchmal hatten. 

Für Mädchen gab es Puppen aus Holz, Leder oder Stoff in hübschen, der Mode entsprechenden Kleidern. Teure Puppen hatten manchmal echtes Menschenhaar und sorgfältig bemalte Porzellan- oder Wachsgesichter mit blauen Augen, wie Queen Victoria sie hatte. Es gab für Mädchen ganze Puppenhäuser, die echten Herrenhäusern nachgestellt und bis ins kleinste Detail nachgebaut waren. Diese Puppenhäuser, Puppen und die kleinen Teesets lassen es schon erahnen: Auch das Spielzeug sollte kleinen Mädchen bereits beibringen, in welche Rollen sie später als erwachsene Frauen zu schlüpfen hatten. Für Jungen sah das allerdings ganz ähnlich aus, denn auch ihnen gab man bereits vor, wofür sie sich zu interessieren hatten: Für sie gab es Spielzeugsoldaten, Modelleisenbahnen und sehr beliebt waren auch handbemalte Archen, die natürlich von jedem Tier zwei Figuren enthielten. Das Schaukelpferd, während des viktorianischen Zeitalters immer in Grau gehalten und mit einer Mähne aus echtem Pferdehaar, war ein beliebtes Spielzeug für beide Geschlechter. Es gab allerdings auch schon Brettspiele, die zusammen oder mit dem Kindermädchen gespielt werden konnten. 

Beliebt war das noch heute bekannte Snakes and Ladders und natürlich Puzzlespiele. Sehr beliebt während des viktorianischen Zeitalters waren auch mechanische Überraschungsspielzeuge, die wir heutzutage meist als etwas befremdlich oder sogar unheimlich empfinden können. Der berühmte Jack, der an einer Feder aus seiner Box katapultiert wird, Äffchen, die klirrend Becken aneinander schlagen, Aufziehspielzeuge, die klappernd durch das Zimmer sausen und magische Laternen, die Lichtbilder an die Wand malen. Was es allerdings noch nicht gab, waren Teddybären. Die wurden erst im Jahr nach Victorias Tod erfunden und sind somit für das viktorianische Zeitalter komplett anachronistisch. Übrigens wurden bis auf die Noah´s Ark, die Arche mit den liebevoll bemalten Tierfiguren, am Sonntag alle Spielzeuge beiseite geräumt. Mit der Arche durfte gespielt werden, weil sie ein religiöses Vorbild hatte, doch alle anderen Spielzeuge durften nicht angerührt werden.

Doch für alle Kinder kam natürlich irgendwann der Moment, die Nursery zu verlassen. Im Alter von zehn bis zwölf Jahren wurden die Söhne reicher Familien meist zur weiterführenden Ausbildung aufs Internat geschickt, das sie erst als junge Männer abschlossen und dann entweder einen angesehenen Beruf ergriffen oder studierten. Adelige Söhne besuchten natürlich auch Internate und hin und wieder Universitäten, doch meist ergriffen sie keinen Beruf, weil es unter ihrem Stand gewesen wäre. Mädchen wurden meist daheim von der Gouvernante unterrichtet, bis sie fünfzehn oder sechzehn Jahre alt waren. Die Eltern selbst entschieden, wann die Tochter bereit war, eine Erwachsene zu sein und dann wurde sie der vornehmen Gesellschaft vorgestellt, trug keine Mädchenkleider mehr, sondern Erwachsenenmode und bekam es zum Ziel Ausschau nach einem geeigneten Ehemann zu halten, um möglichst bald selbst zu heiraten und Kinder zu bekommen. Während der Bruch zwischen Kindheit und Erwachsensein für Mädchen denkbar drastisch war, bekamen Jungen nach der Ausbildung meist noch ein paar Jahre Zeit, sich die sprichwörtlichen Hörner abzustoßen. Von Männern wurde eine Hochzeit erst in den Zwanzigern erwartet, wenn die Ausbildung abgeschlossen und eine gute Stelle gefunden worden war, damit man die neue Frau und die eigenen Kinder auch selbstständig versorgen konnte.

Selbst nachlesen?

Frost, Ginger S.: Victorian Childhoods. 2008.

Kommentare

  1. Ein sehr informativer Artikel. Lob an die Autorin

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  2. Hallo Kati,

    ein sehr interessanter Artikel.
    Ich wusste zwar schon etwas über die Kindermode zu der Zeit, aber dass die Rocklänge der Mädchen so genau bestimmt war, war mir neu. Ich möchte zu der Zeit kein Kind gewesen sein, besonders kein Mädchen.

    LG
    Franziska

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  3. Und wo ist jetzt der Artikel zu den ärmeren Kindern?
    Hab ich den überlesen?

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    1. Ich habe ihn leider immer noch nicht geschrieben. :versteckt sich: Ein bisschen was zum Thema findest du aber hier: http://the-gaiety-girl.blogspot.de/2012/09/petty-larceny-viktorianische.html

      Danke für die Erinnerung, ich habe gar nicht mehr daran gedacht, dass ich da einen zweiten Teil geplant hatte.

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