Samstag, 30. Juni 2012

Mode 1840: Vom Glockenrock zur Handtasche

Nachmittagskleid, ca. 1845,
Metropolitan Museum of Art,
Catharine Breyer von Bommel
Foundation Fund  (1981)
Die 1840er Jahre sind keine ruhige Zeit. In China enden die ersten beiden Opiumkriege mit der Übergabe Hong Kongs an die Briten, doch auch ansonsten bestimmen Auseinandersetzung und Revolution die Dekade: Die 1840er sind markiert durch die größte Revolutionswelle in der europäischen Geschichte und haben allesamt die Abschaffung des Feudalsystems und die Einführung von Demokratie und Gleichheit zum Ziel. Doch nicht nur Gewalt herrscht vor: In London eröffnet der erste Tunnel, der unterirdisch unter der Themse hindurchführt, der Planet Neptun wird von deutschen Astrologen entdeckt und die Daguerreotypie, eine in der vorangegangenen Dekade vorgestellte Fotografietechnik, bürgert sich ein. Das erste elektrische Telegramm wird gesendet und Ada Lovelace schreibt das erste Computerprogramm – das glaubt ihr nicht? Es ist aber wahr: Bereits 1843 versteht Ada Lovelace, wie ein Computer funktioniert und schreibt einen Algorithmus für die „Analytical Engine“. Ihr Code wird jedoch niemals getestet. 

In Frankreich wird der große Napoléon bestattet und die zweite Republik wird nach mehreren Revolutionen ausgerufen. Doch auch die große irische Hungersnot, ausgelöst von Missernten und die Ausbeutung des Landes durch England, die über die Dekade hinweg viele Leben forderte, fällt in die 1840er Jahre, gefolgt von dem Beginn der irischen Freiheitsbewegung, angeführt durch die Gruppe Young Ireland, und auch die großen Choleraepidemien in England und New York. Gegen Ende des Jahrzehnts beginnt in den USA der große Goldrausch von Kalifornien, der Menschen aus aller Welt in das bisher bloß von Natives bewohnte Gebiet lockt, die nach Gold schürfen, Städte aus dem Boden stampfen und dafür sorgen, dass Kalifornien bald darauf zum Teil der United States of America wird. Außerdem erscheinen zwei von Charles Dickens’ berühmtesten Werken: A Christmas Carol, sowie David Copperfield. In Frankreich erscheint Die drei Musketiere von Alexandre Dumas, Charlotte Brontë veröffentlich Jane Eyre, ihre Schwester Emily Brontë lässt Die Sturmhöhe folgen, und Edgar Allan Poe sein berühmtes Gedicht The Raven

Schmale Schultern und schmale Taille

Die Form der weiblichen Mode verändert sich in den 1840ern nur geringfügig. Die übertrieben großen Ärmel der 1830er Jahre geraten aus der Mode und ebnen den Weg für natürliche Schulterbreiten und eng anliegende Ärmel oder die berühmten Pagodenärmel, die im Schulterbereich schmal sind, aber im Bereich des Unterarms voll. Nachmittagskleider sind hochgeschlossen, während Abendkleider meist schulterfrei getragen werden und an den Ärmeln oft mit Volants aus Spitze besetzt sind. An dem Stück aus cremefarbener Seide oben könnt ihr die neue Form der Schulter gut erkennen: War sie im vorangegangenen Jahrzehnt noch breit und durch volle Ärmel betont, ist sie jetzt rund und geneigt, betont durch den für die Dekade typisch geschnittenen Ausschnitt und den kleinen Volantaufsatz. Auch die in den nächsten Jahrzehnten beliebte Taillenform entwickelt sich langsam: Die Taille sitzt nun ein Stück tiefer als in den vorangegangenen Jahren und wird ein wenig enger geschnürt, um den Kontrast zu den Schultern zu erhöhen, der durch die schmaleren Ärmel nun wegfällt. Noch immer liegt der Druck durch das Korsett hierbei allerdings nicht auf dem Bauch der Trägerin, sondern in den Seiten, weshalb das Korsett angenehm tragbar ist. Dies führt dazu, dass der Oberkörper die Form eines Vs annimmt: Die neue, in den nächsten Jahrzehnten modische Figur. 

Die Röcke werden mittlerweile mit Plissés am Oberteil des Kleides befestigt, was den Röcken die in den 1840ern aufkommende Glockenform gibt, die bald dreißig Jahre lang beliebt sein würde. Noch wird die Fülle der Röcke durch mehrere Schichten gestärkter Unterröcke herbeigeführt: An dem Beispiel oben seht ihr, dass besonders bei Tageskleidern auch weniger volle Röcke getragen wurden. Je voller die Röcke wirken sollten, umso mehrere Lagen Unterröcke trug man übereinander. Dies führte dazu, dass das Tragen des Kleides mit jeder neuen Lage Röcke beschwerlicher und unangenehmer wurde, ein Problem, das erst in der nächsten Dekade gelöst werden würde. An Stoffen waren in den 1840er Jahren weiterhin helle Farben und romantische florale Muster modern, doch auch schillernde Stoffe wie der Seidenstoff des Kleides oben erfreuten sich großer Beliebtheit. Sieht man genau hin, bemerkt man, dass auf das cremefarbene Kleid im selben Farbton schimmernde florale Muster gestickt sind. Teure, edel wirkende Stoffe waren den oberen Schichten nach wie vor sehr wichtig, um nach außen zu zeigen, welchen gesellschaftlichen Stand man einnahm. Eine weitere Mode waren karierte Stoffe, ganz besonders das typische Schottenkaro: Königin Victoria hatte ihre Liebe zu Schottland entdeckt und schuf damit einen Trend, der sich in vielen Kleidern der Epoche widerspiegelt. 

Alte Stoffe und neue Frisuren

Ballkleid, ca. 1842, Metropolitan
Museum of Art,
  Brooklyn Museum
Costume Collection, Geschenk des
Brooklyn Museum, Designated Purchase
Fund (1984)
An dem roten Abendkleid rechts lässt sich eine weitere Besonderheit der Mode der frühen viktorianischen Jahre ablesen, die auch bereits schon in den 1830ern aufgekommen ist: Mit der Rückbesinnung auf alte Moden wurden viele alte Kleider zu modischen neuen Kleidern vernäht. So besteht das Kleid aus roter Seide tatsächlich aus einem Kleid aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, das aufgetrennt und neu verarbeitet wurde. Der Stoff war also zum Zeitpunkt der Herstellung dieses Kleides bereits rund hundert Jahre alt. Hier lässt sich absehen, wie sorgfältig die Menschen damals mit teuren Stoffen umgegangen sind. Außerdem ersichtlich wird an diesem Stück die romantische Rückbesinnung auf historische Moden des frühen viktorianischen Zeitalters: Der Schnitt entspricht mit der Dreiecksform des Oberkörpers und den runden Schultern den 1840ern, doch das Dekor ist eine Anlehnung an frühere Moden. 

In den 1840ern liegt außerdem ein neuer Fokus auf der Handtasche: Daheim nutzte man meist Täschchen oder Beutel aus besticktem Satin, unterwegs trug man Taschen in dunkleren Farben bei sich, die meist mit Quasten verziert waren. Dazu kommen dünne Schultertücher und die langen Handschuhe, die jedoch zu jedem Zeitpunkt der Epoche zum vollständigen Ensemble einer Dame dazugehören. Die Schuhe der Epoche verändern sich kaum im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren. Damen trugen Slipper aus bunten Brokatstoffen oder Satin. Die Mäntel der 1840er Jahre sind meist knielang und erinnern an Capes. Im Winter konnten die Mäntel aus robusten, dicken Stoffen und mit Fell besetzt sein und bis zum Knöchel der Trägerin reichen. Die Pellerine der 1830er Jahre bleibt außerdem in Mode. Ein wichtiger Punkt zum Schluss ist die Diskrepanz zwischen französischer und britischer Mode in dieser Dekade. Während man in Großbritannien reich verzierte Oberteile bevorzugte, trug man in Frankreich enganliegende, unverzierte Oberteile. 

Ihr Haar trug eine Dame in den 1840ern weniger opulent als zuvor: Der Haarknoten wurde nun nicht mehr auf dem Kopf getragen, sondern am Hinterkopf und das zum Mittelscheitel geteilte Haar umrahmte zu beiden Seiten das Gesicht in weichen Locken. Während in den vorangegangenen Jahrzehnten bloß wenige Strähnen zu beiden Seiten des Gesichts gelockt wurden, wird es in den 1840er Jahren immer beliebter, einen großen Teil des Haares offen zu Locken frisiert auf die Schultern fallend zu tragen. Obwohl das Haar einer Frau im neunzehnten Jahrhundert grundsätzlich nicht geschnitten wurde, konnten die Strähnen, die zu Locken gebrannt getragen werden sollten, auch gekürzt werden, um den Effekt zu verstärken. Der Rest des Haares bildete einen kleinen Knoten am Hinterkopf. Dieser Stil ist im Zuge der voranschreitenden Romantik eine Rückbesinnung auf die Stile des achtzehnten Jahrhunderts. Ansehen könnt ihr euch den Stil, wenn ihr dem Link zu einem Portrait von Friederike Freiin zu Gumppenberg folgt, das um 1845 von Karl Stieler gemalt wurde. Der Stil, das Haar über den Ohren geflochten oder in Wellen gelegt zu tragen, der in den vorigen Jahren aufkam, erfreute sich weiterhin großer Beliebtheit. Genau wie in den Dekaden zuvor trugen verheiratete Frauen im Haus Kappen aus meist weißen Leinen. Alle Frauen trugen auf der Straße eine Haube. Die Haube war im Gegensatz zu den 1830er Jahren allerdings kleiner geworden, mit weniger auffälliger Krempe und nicht mehr so reich verziert. Die Krempe der Haube bildet nun einen Rahmen für das Gesicht. 

Selbst nachlesen?

Ashelford, Jane: The Art of Dress. Clothing and Society 1500–1914. 1996.

Goldthorpe, Caroline: From Queen to Empress: Victorian Dress 1837–1877. 1988.

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