Donnerstag, 26. April 2012

Die Viktorianer und der Tod

Amerikanisches Trauerkleid, ca. 1870,
Met Museum, Geschenk der Brooklyn Museum
Costume Collection, Gabe von Martha
Woodward Weber (1930)
Auf den ersten Blick erscheinen uns die Trauerbräuche und Traditionen der Viktorianer rund um den Tod sehr makaber, wenn nicht sogar respektlos. Immer wieder lese ich, dass moderne Menschen den viktorianischen Umgang mit dem Tod als pietätlos empfinden und sich davor gruseln oder gar ekeln. Das hängt damit zusammen, dass wir heute einen ganz anderen Blick auf den Tod und das Sterben haben, als die Menschen vor noch rund hundert Jahren. Ich finde es schade, wenn das Verständnis für die Bräuche vergangener Gesellschaften fehlt und möchte euch deshalb heute die Hintergründe des viktorianischen Totenkults näherbringen. 

Das Haar der Toten - Bräuche und Traditionen

Viktorianische Bestattungen sind gewaltig. Sie sind protzig und ausschweifend. Zurück geht der Hang der Viktorianer zu ausgefallenen und pompösen Beerdigungen tatsächlich auf Queen Victoria, die nach dem Tod ihres Gemahls Prinz Albert im Jahr 1861 bis zu ihrem eigenen Lebensende 1901 nur noch in Trauerkleidung auftrat und selbst für viktorianische Verhältnisse sehr ausgiebig trauerte. So ließ sie zum Beispiel weiterhin die Bettlaken und Handtücher in Prinz Alberts Schlafzimmer regelmäßig wechseln. Als Albert starb, verfiel mit Victoria ein ganzes Land in Trauer: Victoria erwartete es auch nicht anders. Es gehörte sich einfach, dass alle Damen in schwarzer Trauerkleidung auftraten, dass selbst arme Menschen eine schwarze Binde in Gedenken an den Prinzen trugen. Der Tod des Prinzen Albert in den 1860ern Jahren sorgte für einen richtigen Traueraufschwung, ein Geschäft mit dem Tod. Getrauert wurde öffentlich, jeder nahm Anteil, der Tod war keinesfalls ein Tabuthema. Und genau deshalb umrankten ihn viele Traditionen, die uns zum Teil bis heute erhalten bleiben.

Es ist zum Beispiel sehr interessant, woher das Sprichwort Saved by the bell (dt. Von der Glocke gerettet) kommen könnte, das im englischsprachigen Raum bis heute benutzt wird, wenn jemand im letzten Moment einer schlimmen Situation entgeht. Damals legte man den Verstorbenen eine Glocke mit in den Sarg, damit er läuten konnte, falls er gar nicht tot war und wieder aufwachte, bloß um sich lebendig begraben wieder zu finden. Das klingt jetzt makaberer, als es wirklich ist. Schließlich war im viktorianischen Zeitalter die Medizin längst nicht soweit wie heute und wer im Koma lag, konnte durchaus für tot gehalten werden. Ein anderer beliebter Brauch damals war es, Trauerflor an die Tür  des Hauses, in dem der Verstorbene gelebt hatte, zu hängen. Schwarz war er meistens, weiß, wenn eine junge Person verstorben war. Der Flor war ein Zeichen für Besucher, nicht laut zu läuten oder zu laut zu sprechen, denn Lautstärke galt als Zeichen von Leben und Fröhlichkeit und somit im Trauerfall als unpassend. Auch beliebt war es, sich ein Medaillon mit Haaren des Verstorbenen anfertigen zu lassen, oder sich sein Haar sogar auf ein Kissen oder ein Tuch sticken zu lassen. Man schlug seine Bibel in schwarzen Stoff ein und stickte einen schwarzen Rand auf sein Taschentuch, band im Haushalt schwarze Bändchen um Dekorationsgegenstände... alles, um auch nach außen hin zu zeigen, wie tief in Trauer man war.

Im Gegensatz zu heute war das Trauern im viktorianischen England eine sehr öffentliche Angelegenheit und man wollte zeigen, wie sehr man trauerte. Der gruseligste Brauch ist jedoch die Post-Mortem-Fotografie. Hatte man zu Lebzeiten keine Fotografie der Person gemacht, holte man das manchmal noch nach, indem man den Verstorbenen auf Blumen oder weiße Laken bettete und im Tod fotografierte. Besonders dieser Brauch ist für viele Menschen heute meist pietätlos oder gar unheimlich. Allerdings ist er auch sehr nachvollziehbar: Viele Familien hatten nichts, um sich an die verstorbene Person zu erinnern, schließlich waren Fotografien in ihrer Pionierzeit recht teuer. Also griff man, besonders bei unerwartet verstorbenen Kindern, oft zur Post-Mortem-Fotographie, um etwas zu haben, um sich später an den Verstorbenen erinnern zu können. Dass Tote im lebensähnlichen Zustand fotografiert wurden, zum Beispiel auf einem Stuhl sitzend oder gar mit auf die geschlossenen Lider gemalten Augen, ist ein makaberes Gerücht, hinter dem sich keinerlei Wahrheit verbirgt. 

War die Zeit für die eigentliche Beerdigung gekommen, gab es für sehr bekannte oder sehr wohlhabende Londoner einen Trauerzug zum Friedhof. Hierbei fuhr der Sarg in einer Kutsche an der Spitze, gefolgt von einer weiteren Kutsche mit den engsten Angehörigen des Verstorbenen. Die Kutsche war zumeist pechschwarz, genau wie die Pferde, die sie zogen. Geschmückt waren die Pferde mit schwarzen Straußenfedern. Diese Züge konnten sehr lang sein, doch auf dem Friedhof trafen bloß die Familie und die engsten Freunde des Toten ein, denn die meisten Kutschen im Trauerzug waren leer: Es galt damals als höflich bloß seinen Kutscher mit der Kutsche zum Trauerzug zu schicken, um sein Beileid auszudrücken. Gräber wurden, je nach Vermögen, mit opulenten Grabmonumenten geschmückt. Trauernde weiße Engel sind oft anzutreffen, sowie halb verdeckte Steinurnen. In Mode war der egyptische Stil, der auch überall auf dem berühmten viktorianischen Highgate Cemetery in London zu finden ist. Starb eine berühmte Person, gab es nicht selten sogar kleine Memorablia zu kaufen, wie Ringe mit dem Gesicht der Person, die zum Ausdruck der Trauer getragen wurden. 


Schwarze Kleider - Trauermode und ihre Herkunft

Allerdings hatte das Trauern auch einen sehr großen modischen Aspekt, der schon fast einen eigenen Artikel in der Rubrik Viktorianische Mode verdient. Nämlich die Trauerkleidung. Ein typisches Trauerkleid samt schwarzem Florschleier könnt ihr auf dem Bild oben sehen. Beliebt wurde die Trauermode, nachdem Queen Victoria für ihren Prinz Albert nur noch in Trauerkleidung zu sehen war und einige modebewusste Londoner ihrem Beispiel folgten. Die tiefste Trauer wurde durch Kleider aus tiefschwarzem Material ausgedrückt, geschmückt bloß mit Trauerflor. Männer trugen schwarze Anzüge, Handschuhe und Hüte. Interessanterweise waren Kinder von der Trauerkleidung ausgeschlossen, obwohl kleine Mädchen manchmal weiße Kleider trugen und man Babys schwarze Bänder an die Kleidchen heftete. Die Regeln zur Trauerkleidung waren so kompliziert, dass eigens Anleitungen und Fachbücher dazu geschrieben wurden. Ich werde mal versuchen, es so gut wie möglich zusammenzufassen:

Zuerst einmal kam es darauf an, wie nah man dem Verstorbenen stand. Die Witwe des Verstorbenen trauerte offiziell zweieinhalb Jahre. Davon ein Jahr und einen Tag in voller Trauergarnitur. Danach folgte die zweite Phase, die weitere neun Monate dauerte. Flor wurde nun nicht mehr getragen, doch die Kleider waren nun immer noch schwarz. Sie mussten jedoch nicht mehr aus grobem, nicht schimmernden Stoff bestehen und durften nun auch wieder nach der neusten Mode mit Rüschen, Bändern oder Schleifen verziert sein. Die letzte Phase dauerte noch weitere sechs Monate. Man trug wieder seine Alltagskleidung, allerdings in gedämpften Farben und vorzugsweise in Grau. Eltern und Kinder hingegen trauerten bloß ein Jahr, Geschwister und Großeltern sechs Monate, die entfernte Verwandtschaft bloß sechs Wochen. Trauerschmuck war meist aus schwarzem Gagat und es gab Trauerfächer und sogar Trauerschirme in tiefstem Schwarz. Wer trauerte, hatte keine Farbe zu zeigen, auch nicht, um sich vor der Sonne zu schützen.

Trauerschirm, ca. 1900, Met Museum, Geschenk
der Brooklyn Museum Costume Collection, Gabe
von Rachel Trowbridge (1960)
Wie man sich bereits denken kann, machten die Fachgeschäfte für Trauerbekleidung, die es überall in London gab, einen sehr großen Umsatz mit all diesen Kleidern, Hüten, Schleiern, Bändern, Schleifen, Handschuhen und Tüchern. Allen voran das beliebte Geschäfte Jay´s of Regent Street, das bereits 1841 eröffnet wurde und in der zweiten Hälfte es neunzehnten Jahrhunderts zur allerersten Londoner Addresse im Trauerfall wurde und sogar Särge anbot. Besonders gut verdienten diese Geschäfte, weil man glaubte, es würde Pech bringen, Trauerkleidung nach der Trauerphase im Haus zu behalten. Man kaufte also immer alles neu und gab die alte Trauerkleidung nach der Trauerphase weg. 

Faszination Tod

Die Viktorianer beschäftigen sich jedoch auch außerhalb von Trauerphasen intensiv mit dem Tod. Das ist kein Wunder, wenn man sich ansieht, wie hoch die Sterblichkeit in diesen Jahrzehnten war. Unheimliche Gothic Novels, in denen Untote umher schlichen, waren groß in Mode und auch in der Kunst stolpert man immer wieder über die Darstellung von Tod und Trauer. Das Vanitasmotiv aus dem Barock macht ein beachtliches Comeback. Besonders beliebt waren auch Séancen. Man traf sich, meist in Gruppen, bei einem Medium, das gegen Geld versprach, Kontakt zum Geist des Verstorbenen aufzunehmen. Durch kleine Tricks brachte man Tische zum Wackeln oder Feuer zum Aufglühen und überbrachte dubiose Nachrichten aus dem Jenseits. Ein Besuch bei einem Medium galt jedoch nicht für alle bloß als Unterhaltung, viele Menschen glaubten auch fest daran, wirklich mit ihrem verstorbenen Lieben zu kommunizieren.

Man kann also sagen, dass die Viktorianer aus der hohen Sterblichkeit durch Krankheiten und Unfälle einen riesigen Kult machten, den man mit der Vanitasbewegung im Barock vergleichen kann, und den auch intensiv lebten. Der Tod, ein sehr trauriges Thema, wurde zu einer Faszination. Für uns heute mag dieses Verhalten schon fast extrem wirken und sicherlich befremdlich, doch man muss bedenken, dass man den Tod damals jeden Tag vor Augen hatte. Starb nun ein Familienmitglied an der Schwindsucht oder stürzte jemand in die Themse, man wurde ihn nie so richtig los. Im Gegensatz zu heute war der Tod allgegenwärtig. Also trauerte man nicht für sich allein, sondern nach außen hin und miteinander. Man machte ihn erträglicher, indem man sich in die Trauerphase stürzte und jedem zeigte, was man fühlte. Im Gegensatz zu heute war der Tod bei Weitem kein Thema, über das man nicht sprach und mit dem man allein fertig wurde. Und dieses gemeinsame Trauern finde ich persönlich eigentlich schön und tröstend.

Selbst nachlesen?

Brett, Mary: Fashionable Mourning Jewelry, Clothing, & Customs. 2006.

Curl, James Steven: The Victorian Celebration of Death. 2001.

Luthi, Anne Louise: Sentimental Jewellery. 2008. 

Kommentare:

  1. Hallo,

    ein toller Blog, auch ich liebe das viktorianische England. Die riten um einen Todesfall gingen aber noch viel weiter, wurden doch auch alle Bilder und Spiegel schwarz verhängt und die Fenster abgedunkelt. Sogar die Auffahrt wurde, um das Hufgetrappel zu dämpfen, mit Stroh ausgelegt. Außerdem war auch genau festgelegt, wer, wie lange Trauer bzw. später Halbtrauer zu tragen ist.
    Viele liebe Grüße

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  2. Erstmal danke. ;-) Ich glaube, zu dem Thema könnte man ein ganzes eigenes Blog schreiben, so umfangreich ist es. Ich suche mir hier meist bloß die für mich interessantesten Aspekte raus. Wenn ich wirklich alles mit reinnehmen wollte, müsste ich ein Buch schreiben.

    Ich hatte allerdings überlegt, zu jedem Post nochmal meine Literatur rauszusuchen und als Buchtipps anzugeben, damit Interessierte noch weiterlesen können. Vielleicht ist das wirklich eine gute Idee.

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