Dienstag, 3. Januar 2012

London im Nebel - Die Folgen der neuen Industrie

Punch Magazine, 1855
Es ist 1890 und zwischen den Häusern von London hängt ein Nebel, der so dicht ist, dass man die Hand nicht vor Augen sehen kann. Er hat eine ungesunde gelbliche Farbe und plötzlich fällt einem das Atmen schwer, ganz abgesehen davon, dass man gar nicht mehr sieht, wohin man überhaupt läuft. Es riecht nach Rauch und schwarzer Ruß verdreckt die Kleidung, frisst sich ganz besonders in hellen Stoff.

Das ist der London Fog, oft verglichen mit Erbsensuppe, der die englische Hauptstadt im viktorianischen Zeitalter und zu Beginn des 20. Jahrhunderts oft heimgesucht hat. Dass es sich dabei um keinen normalen Nebel handelt, ist vielen gar nicht bewusst. Doch der London Fog besteht aus dem gewöhnlichen Nebel, der von der Themse aufsteigt, und vermischt sich mit dem Smog, dem Rauch von verbrannter Kohle, der aus den tausenden Londoner Schornsteinen aufsteigt.


Erbsensuppe - Nebel in London

Das konnte eine tödliche Mischung sein, wie der Great Smoke von 1952 zeigte, bei dem geschätzt 4000 Menschen ihr Leben verloren. Auch im viktorianischen Zeitalter forderte der Fog bereits einige Leben. Schwache Lungen hielten dem Nebel nicht Stand und man erstickte ganz einfach, doch auch Unfälle waren durch die stark eingeschränkte Sicht keine Seltenheit. Man konnte zum Beispiel in die Themse fallen und ertrinken oder von herannahenden Fahrzeugen einfach überrollt werden. Kutschen rammten sich gegenseitig oder fuhren in Hauseingänge und Schaufenster. Auch auf dem Fluß selbst gab es Unfälle, wenn zum Beispiel Steamer kleinere Schiffe zerschmetterten oder gegen die Pfeiler der vielen Londoner Brücken fuhren. Kurz gesagt: Der Nebel bedeutete ein Chaos, das wir uns so heute gar nicht mehr vorstellen können. Der Nebel machte auch nicht vor Wänden halt und kroch in Wohnungen und Häuser, wo er Spitzendeckchen und Vorhänge grau färbte.

Gegen Ende der viktorianischen Era spitzte sich die Lage zu und der Nebel trat öfter und öfter auf. Natürlich wurde aus dem Nebel auch gleich wieder ein Geschäft gemacht: Bei starkem Nebel boten Männer und Jungen an, die Pferde von Omnibussen und Kutschen zu führen, oder mit Fackeln oder anderen Lichtquellen davor her zu laufen. Natürlich meist nicht umsonst und Kunden, die zu wenig zahlten, wurden auch gern in die Irre geleitet. Verbrechen fanden während den berüchtigten Pea Soupers natürlich auch vermehrt statt. Nichts war besser, wenn man nicht gesehen werden wollte.

Besser wurde es erst, als man sich mehr für die Umwelt einsetzte und weniger Kohle verbrannte. Denn der Fog war eine direkte Folge der industriellen Revolution. Seit man begonnen hatte, Öfen mit Kohle anzufeuern, verschlimmerte sich die Situation, denn England als führende Industrienation hatte natürlich auch eine beachtliche Industrie aufzuweisen: Es war so schlimm, dass eine Schmetterlingsart in der Evolution sogar dunkel wurde, weil sie sich so auf den rußgeschwärzten Baumstämmen besser anpassen konnte. In London, das zur Themse hin abfällt und eine kleine Mulde bildet, hatte der Industriesmog die Gelegenheit sich zu sammeln und mit dem natürlichen Themsenebel zu vermischen.  Heute hängt der Geruch von Rauch nicht mehr konstant in der Londoner Luft, die meiner Meinung nach für eine Großstadt sogar sehr klar riecht, und obwohl es in der Themsegegend nach wie vor sehr neblig sein kann, ist es schwer, sich das stinkende, gelblichgrüne Gemisch aus Nebel, Rauch und Ruß vorzustellen, dass damals für solch ein Chaos gesorgt hat.

Zeitzeugen - Berichte zum Nebel

Hier ist ein Bericht aus der Eastern Post vom 20. Dezember 1873, in dem darum gebeten wird, die Themse mit Ketten und Zäunen abzugrenzen, damit niemand mehr im Nebel hinein fallen kann:

"On Friday afternoon, the deputy coroner for Middlesex, held an inquiry at the Spotted Dog Tavern, High Street, Poplar, respecting the deaths of Robert Bryant 52, Thomas Ford 53, James Price 63, William Everett 38, Henry Carol 20 , Fitzroy Waters 17 and Thomas Cleman 44, all of whom perished through falling into the waters of the West India Docks during the intense fog of Tuesday evening last. ... The jury returned a verdict of accidental death and requested the coroner to write to the Company urging them to have iron stands erected so that in the event of fogs occurring ropes or chains could be at once attached to avoid a recurrence of such a melancholy catastrophe ..." (x)

Zu Deutsch etwa: "Am Freitagnachmittag hielt der stellvertrende Leichenbeschauer von Middlesex in der Taverne Spotted Dog, High Street, Poplar, eine Befragung ab, was die Tode von Robert Bryant (52), Thomas Ford (53), James Price (63), William Everett (38), Henry Carol (20) Fitzroy Waters (17) und Thomas Cleman (44) anging, die alle verstarben, als sie in den West India Docks während des starken Nebels am letzten Dienstagabend ins Wasser fielen... Die Jury urteilte, dass es sich um Unfalltode handele und bat den Leichenbeschauer an die Company zu schreiben und sie zu bitten, Eisenstangen zu errichten, damit im Falle von Nebeln Seile oder Ketten angebracht werden können, um die Wiederholung einer solch traurigen Katastrophe zu verhindern..."

Und hier schildert Ellen Panton ihre Erinnerungen an die London Fogs ihrer Kindheit in ihrem Buch Leaves from a Life von 1908. Die berüchtigten Londoner Nebel werden auch in vielen Klassikern der Zeit erwähnt. So etwa in den Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle und dem Kindermärchen A Little Princess von Frances Hodgson Burnett. Erwähnungen wie diese können uns jedoch bloß ahnen lassen, wie sehr die Nebel die Menschen damals beeinflusst haben.

"There have not been for many years anything like those fogs; one could not see an inch before one's nose; boys bearing torches used to rush about and try to earn a penny in leading old gentlemen all wrong, and Papa once found himself in a hansom cab, with the horse going up the steps of a house, instead of along the road; and another time was guided home by a blind man, who said pathetically,  «Fogs make no difference to me, Sir!»" (x)

Und auf Deutsch: "Es gab seit vielen Jahren nichts mehr, das wie die Nebel war; man konnte nicht weiter als einen Inch ( ca. 2,5 cm) vor der eigenen Nase sehen; Jungen mit Fackeln eilten umher und versuchten einen Penny zu verdienen, indem sie alte Herren an die falschen Orte führten, und Papa fand sich einmal in einem Hansom-Taxi, gezogen von einem Pferd, das die Stufen zu einem Haus hinauflief und nicht die Straße entlang; und ein anderes Mal wurde er von einem blinden Mann nach Hause geführt, der rührend sagte: «Ob Nebel oder nicht macht für mich keinen Unterschied, Sir!»"


Selbst nachlesen?

Brimblecombe, Peter: The Big Smoke. A History of Air Pollution in London Since Medieval Times. 1987.

Lee Jackson's Victorian London (Sehr ausführliche Quellensammlung mit vielen Originaltexten)

Kommentare:

  1. Wow, ein Nebel ist echt nicht zu unterschätzen. Ein beachtenswerter Artikel!

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  2. Erinnert mich an die neusten Berichte aus Peking…. . Geschichte wiederholt sich halt doch immer und immer wieder...

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