Mittwoch, 28. Dezember 2011

Die Geschichte des Korsetts

Französisches Korsett, 1887, Met Museum,
Gabe von Mrs. DeWitt Millhauser (1946)
Um kaum ein Kleidungsstück ranken sich so viele Mythen und Gruselgeschichten, wie um das infame Korsett. Ob es von vorn herein in die Fetisch- oder Gothicszene eingeordnet, als mittelalterliches Folterinstrument betrachtet oder fest daran glaubt, dass Korsetts einen in eine Ohnmacht sinken lassen oder sogar töten könnten. Selbst in beliebten populärwissenschaftlichen Dokumentationen werden die Fehlinformationen weitergetragen, selbst in ansonsten gut recherchierten historischen Romanen leiden Frauen unter dem Korsett. Und, das ist für viele eine Überraschung, das ist alles gar nicht wahr. 

Woher die Fehleinschätzungen kommen, ist schnell geklärt: Obwohl oft geglaubt wird, das Korsett sei ein Folterinstrument, in das Frauen von Männern gezwungen wurden, ist es eher so, das viele Männer – Ärzte und dergleichen – das Korsett abgelehnt haben. Es handelt sich beim Korsett um eine Frauenmode, die ähnlich wie der BH entwickelt wurde um den Oberkörper zu stützen und durch falsche wissenschaftliche Behauptungen stark diskreditiert wurde.

Die frühen Korsetts des sechzehnten Jahrhunderts

Die Anfänge des Korsetts darf man nicht im Mittelalter suchen, was viele gern tun, sondern viel eher in der sehr frühen Neuzeit. Es kursiert ein Gerücht, nachdem die berühmte Katharina de Medici das Korsett erfunden hätte, weil sie den Anblick der dicken Frauen an ihrem Hof nicht ertragen hat, doch auch dieses bekannte Gerücht entspricht nicht der Wahrheit. Viel eher liegen die Anfänge des Kleidungsstücks in der Mode des späten sechzehnten Jahrhunderts versteckt. Frauen haben schon immer auf die eine oder andere Weise versucht, ihren Oberkörper zu stützen. Fast jeder Leser oder Leserin mit Busen wird wissen, wie unangenehm es sein kann, ungestützt herumzulaufen. In den späten 1500er Jahren kam es in Mode sehr enge und glatt geschnittene Mieder zu tragen, die nach unten hin dreieckig zuliefen und die Brust nach oben pressten und stützten. Aus dieser Mode wohl entwickelte sich das erste Korsett.

Ihr dürft es euch nicht vorstellen wie die berühmten viktorianischen Korsetts. Auch dieses erste Korsett war dreieckig geschnitten, es wurde meist vorn geschnürt und verfügte über Träger. Oft waren sie mit Walknochen gestärkt, was jedoch noch nicht die berühmte Stundenglasfigur bewirken sollte, sondern den weiblichen Körper flacher und wie einen Zylinder wirken ließ - entsprechend der Mode der damaligen Zeit, ein Kontrast zu den weiten Röcken. Dieses Stück Unterwäsche war keine kurzlebige Modeerscheinung. Bereits in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gehörte es zur Ausstattung jeder wohlhabenden Dame und hielt sich tatsächlich bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Erst der Regency, der auf natürliche Formen setzte, ließ es allmählich aus der Modewelt verschwinden. Dieses frühe Korsett kann wirklich alle Vorwürfe von sich weisen: Es ist bequem und selbst arme Frauen haben ähnliche Kleidungsstücke bei der Feldarbeit getragen (teilweise aber mit bloßen Seilen verstärkt, nicht mit Knochen), man kann sich also sehr wahrscheinlich gut darin bewegen.

Spanisches Korsett, ca. 1700, Met Museum,
Gabe von Mr. Claggett Wilson (1946)
Als der Regency sich dem Ende zuneigte und man ab rund 1830 wieder Kleider aus festeren Stoffen, die die natürlichen Formen nicht ganz so sehr umspielten, trug, kam das Korsett in Mode, wie wir es heute kennen: Es musste sich der neuen Form natürlich anpassen und hatte nun nicht mehr die typische V-Form, sondern eine leichte Stundenglaswölbung, wie man sie von den Viktorianern kennt. Dieses neue Korsett wurde im Rücken geschnürt, doch es war Frauen entgegen aller Erwartungen trotzdem möglich, es ohne Hilfe einer zweiten Person an- oder abzulegen. Vorn befanden sich nämlich Häkchen, die man problemlos selbst öffnen und schließen konnte. Zum Schnüren brauchte es vielleicht in einigen Fällen eine zweite Person, doch es wurde nicht jeden Tag neu geschnürt. Frauen im frühen neunzehnten Jahrhundert haben die Taille auch kaum eingeschnürt: Durch weite Röcke und große Ärmel, die die Schultern breiter erschienen ließen, war der gewünschte Kontrasteffekt zur schmalen Taille bereits gegeben.

Das viktorianische Stundenglaskorsett 

Dieses frühe Korsett war sehr kurz, reichte bis kaum auf die Hüfte. Die weiten Röcke und breiten Schultern kamen jedoch um 1870 aus der Mode: Tournürenmode lässt das Kleid zwar nach hinten voll aussehen, ist jedoch von vorn betrachtet sehr figurbetont. Das kurze Korsett sah mit dieser Mode kombiniert nicht besonders gut aus, weshalb das Korsett nach unten hin ein Stück länger wurde. Auch waren die Röcke von vorn betrachtet nicht mehr weit genug und auch die gepolsterten Schultern waren aus der Mode gekommen. Nun musste man die Taille also ein Stück weit einschnüren, um den erwünschten Stundenglaseffekt zu erreichen. Und hier beginnen die Gerüchte. Das Engerschnüren war nur möglich, weil es mittlerweile möglich geworden war, metallene Ösen herzustellen: Sie stärkten die Schnürlöcher, die zu engem Schnüren vorher nicht standgehalten und ausgerissen wären. Das Tight-Lacing, bei dem Frauen sich die Taille auf Kosten ihrer Gesundheit so eng wie möglich schnürten, ist allerdings ein Mythos.

Diese Praxis war niemals eine richtige Mode, sondern etwas, das meist Schauspielerinnen betrieben. Wer von uns sieht wirklich aus wie ein Hollywoodstar oder zieht sich so an? Dasselbe galt für damals: Gewöhnliche Frauen schnürten ihre Taillen natürlich nicht so eng, wie die Stars von der Bühne. Doch hier ist jede Frau auch damals schon anders gewesen: Während einige dem Trend nacheiferten, trugen andere ihr Korsett lieber locker und wieder andere verzichteten ganz darauf – doch das sind tatsächlich die wenigsten. Das Korsett war ein ganz gewöhnliches Stück Unterwäsche, wie heute Slip und BH. Es war kein Zeichen von Unterdrückung und die bekannten Damen aus historischen Romanen, die als Zeichen ihrer Befreiung auf das Korsett verzichten und endlich frei atmen können, hat es in der Form niemals gegeben. Dass zu starkes Einschnüren schlecht für die Gesundheit ist, stimmt bloß eingeschränkt: Man muss bedenken, wie die Dame zu ihrem Korsett gekommen ist.

Das Korsett wurde der Dame auf den Leib geschneidert und hat sich ihrer Form daher von Anfang an perfekt angepasst. Das Korsett sorgt also keinesfalls für Atemnot, es zerquetscht nicht die Rippen und es lässt nicht in eine Ohnmacht sinken. Wer seine Taille enger schnüren wollte, tat das nicht von heute auf morgen, sondern über Monate hinweg: Die Taille wurde trainiert und nach und nach immer schmaler geschnürt. Tut man das richtig und mit viel Geduld, tut nichts weh und es gibt keine bleibenden Schäden für die Gesundheit. Trotzdem gibt es Berichte von Frauen, die unter ihrem Korsett gelitten haben: Dies sind meist Damen, die das Schnüren übertrieben haben und nicht geduldig genug waren. Auch ein schlecht sitzendes Korsett kann Probleme bereiten, aber im Normalfall war das Korsett ein maßgeschneidertes Stück Unterwäsche, kein Folterinstrument, und saß in den meisten Fällen sicherlich besser als der moderne BH.

Zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es zum ersten Mal Korsetts von der Stange für Frauen aus dem unteren Bürgertum, die es sich nicht leisten konnten, sich maßgeschneiderte Korsetts anfertigen zu lassen. Außerdem konnte man sich nun in sogenannten Corset Shops, Schneidereien die eigens auf das Anfertigen von Korsetts spezialisiert waren, das Korsett auf den Leib schneidern lassen und musste das nicht mehr heimlich beim gewöhnlichen Damenschneider tun. Mit der Erforschung von Sexualität und dergleichen, die gegen Ende des Jahrhunderts verstärkt einsetzte, löste sich ein Stückweit der Tabucharakter von Unterwäsche und auch vom Korsett. Waren Korsetts zuvor meist weiß oder cremefarben gewesen und schlicht gehalten, gab es nun bunte Korsetts aus feinen Stoffen mit schönen Verziehrungen, die zum Statussymbol und Stolz der Damen wurden.

Dass das enge Schnüren des Korsetts zu Verformungen des Brustkorbes und zu verschobenen Organen führen konnte, ist übrigens sogar wahr, aber weit nicht so gefährlich, wie immer behauptet. Fakt ist, dass auch moderne Kleidung den Körper verformt und Spuren hinterlässt. Vernünftig getragene Korsetts haben auch im neunzehnten Jahrhundert keine schweren Verletzungen zugefügt, Krankheiten ausgelöst oder gar zum Tode geführt. Zu Beginn der 1900er Jahre entwickelte ein Arzt, der das herkömmliche Korsett für schädlich hielt, das sogenannte S-Korsett. Es entlastete den Druck auf den Bauch, indem es die Brust nach vorn zwang und die Hüften nach hinten. Dies formte den Körper zu einem S, das auch bald recht modern wurde. Allerdings wird die unnatürliche Haltung durch das S-Korsett heute als ungesunder angesehen, als die herkömmlichen Korsetts, da es den Rücken stark belastete.

Das edwardianische S-Korsett & das Ende des Korsetts 

Form und Sitz des Korsetts 1896 - 1917
Bis ca. 1915 war neben diesem Korsett noch ein weiteres Korsett recht beliebt: Es bedeckte von den Knien bis zur Brust den gesamten Körper und drückte die Taille diesmal breiter, anstatt sie schmaler zu schnüren. Dieses Korsett war allerdings tatsächlich sehr unbequem und unpraktisch. Nun kam das Korsett jedoch aus ganz anderen Gründen aus der Mode: In den USA wurden die Damen angehalten, keine Korsetts mehr zu kaufen, denn das Metall, das zum Verstärken genutzt wurde, sollte in die Waffenherstellung für den Ersten Weltkrieg fließen. Während die Männer im Krieg waren kam es zu einer Lockerung der strengen Geschlechterrollen, was dafür sorgte, dass die Frauen nun die Arbeiten der abwesenden Männer erledigen mussten und wollten. Hierfür wurde aus praktischen Gründen auf das Korsett verzichtet. Kurz darauf wurde der BH patentiert und ersetzte das Unterwäschestück nach und nach vollkommen. Korsetts wurden jedoch bis in die 30er Jahre besonders von alten Damen getragen, die zu viktorianischen Zeiten jung gewesen waren, sowie aus medizinischen Gründen.

Erst in den späten 1980er Jahren wurde das Korsett als modischer Artikel wiederentdeckt. Und zwar von der oben erwähnten Gothicbewegung. Die Gothic-Fashion ist tatsächlich eine stark romantisierte und natürlich modernisierte Form von viktorianischer Mode, die viele Elemente übernimmt. Unter anderem das Korsett. Allerdings ist das Korsett heute meist ein sichtbarer Teil der Kleidung, was zu seinen Glanzzeiten als Unterwäschestück natürlich nicht denkbar gewesen wäre. Der Fakt, dass das Korsett einmal zur unsichtbaren Unterwäsche einer jeden Dame gehörte und ein ganz normales Kleidungsstück war, wird leider oft vergessen, ist jedoch sehr wichtig. Denn deshalb entstehen falsche Korsettmythen und Gruselgeschichten, die sogar Autoren historischer Romane übernehmen, an denen jedoch kaum etwas dran ist. Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Artikel einen kleinen Überblick über die Geschichte des Korsetts geben und vielleicht dafür sorgen, dass ein oder zwei Autoren weniger den Fehler machen, die Korsettmythen weiterzuverbreiten.

Selbst nachlesen?

Steele, Valerie: The Corset. A Cultural History. New Haven, 2001. 

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