Donnerstag, 14. April 2016

Der Fall Gouffé - Ein Medienspektakel der Belle Époque

Illustration aus Le Petit Parisien vom 15.
Dezember 1889, Stich von Ernsest
Clair-Guyot
Am 26. Juli 1889 wird der Gerichtsdiener Toussaint-Augustin Gouffé aus Montmartre vermisst gemeldet. Am 15. August desselben Jahres wird weit weg von Paris, in Vernaison bei Lyon, ein großer Stoffbeutel unter einem Busch am Straßenrand gefunden. Darin befindet sich die Leiche eines Mannes. Im November kann der Arzt Alexandre Lacassagne mithilfe von Haarproben und eines brandneuen forensischen Vorgehens mit Sicherheit feststellen, dass es sich bei dem Toten um den vermissten Gouffé handelt. Der Mann aus Paris wurde erdrosselt. Doch was ist passiert? Wer hat Gouffé ermordet und wie kam seine Leiche von Paris bis nach Lyon?

Aus dem Mord an Toussaint-Augustin Gouffé wird das wohl größte französische Medienspektakel der Belle Époque. Dass der Tote aus Paris stammte und im Juli ermordet worden sein musste, ließ sich anhand einer großen Holzkiste feststellen, die zwei Tage nach dem Toten in der Nähe des Fundorts gefunden wurde: Ein Zettel an der Kiste bewies, dass die Kiste am 27. Juni 1889 mit der Bahn von Paris nach Lyon gelangt war - und der tote Gouffé mit ihr. Befragungen der Nachbarn und möglicher Zeugen ergaben, dass zwei bekannte Betrüger in der Nähe des Gerichtsdieners gesehen worden waren: Michel Eyraud und die erst 21-jährige Gabrielle Bompard. Noch verdächtiger war, dass das Paar am 27. Juli Hals über Kopf die Stadt verlassen hatte. Nach den Untersuchungen im November wurde aus dem Verdacht Gewissheit: Ein Londoner Schreiner gab an, die Holzkiste früher im Jahr an Eyraud und Bompard verkauft zu haben. 

Montag, 15. Februar 2016

Sarah Bernhardt - Die Königin der Bühne

Sarah Bernhardt als Königin in "Ruy
Blas" von Victor Hugo, 1879 
Um den 22. Oktober 1844 herum wird Sarah Bernhardt als Sara Marie Henriette Rosine Bernardt in Paris geboren. Noch weiß niemand, dass aus der kleinen Sara eine der bedeutensten Schauspielerinnen nicht nur der Belle Époque, sondern aller Zeiten werden wird. Sie ist die Tochter einer bekannten Pariser Kurtisane, wer ihr Vater ist, ist unbekannt.Sarahs Mutter, Julie Bernardt, schickt ihre Tochter als junges Mädchen auf eine Klosterschule in der Nähe von Versailles. Später wird Sarah im Conservatoire de Paris unterrichtet, einer Schule für Gesang, Schauspiel und Theater, bevor sie dem Staatstheater Comédie-Française beitritt. Hier hat sie 1862 im Alter von achtzehn Jahren ihren ersten richtigen Bühnenauftritt. 

Sie spielt die Hauptrolle in "Iphigénie", einem Stück des französischen Autoren Jean Racine aus dem frühen Barock. Lange spielte sie die Rolle allerdings nicht: Die Kritiker waren nicht begeistert und nachdem Sarah eine andere Schauspielerin, die mit ihrer Schwester in Streit geraten war, geschlagen hatte, wurde sie vom Theater ausgeschlossen. Nach diesem Rückschlag scheint Sarahs Karriere vorbei: Sie wird Kurtisane, wie ihre Mutter, und bald zählen viele einflussreiche Männer zu ihren Bewunderern. So auch ein hoher belgischer Adeliger, der Prince de Ligne, dem sie mit rund zwanzig Jahren einen Sohn gebährt. Der Prince möchte Sarah heiraten, seine Eltern lassen allerdings nicht zu, dass er eine Kurtisane zur Frau nimmt und die Beziehung zerbricht. Im Jahr 1866 verschlägt es Sarah an das Théâtre de l'Odéon, ein weiteres französisches Staatstheater in Paris. Und hier beginnt ihre Geschichte. 

Samstag, 30. Januar 2016

Effie Gray - Das Liebesdrama des Jahrhunderts

Euphemia Gray - Thomas Richmond,
1851
Am zehnten April des Jahres 1848 heiratet John Ruskin, angesehener Kunstkritiker, Schriftsteller und Künstler des frühen viktorianischen Englands, die neun Jahre jüngere Euphemia Gray, die Tochter eines Freundes seiner Familie. Euphemia, kurz Effie, war keine Fremde für Ruskin. Tatsächlich schrieb er seinen Roman "Der König des Goldstroms", ein Kunstmärchen, für die damals zwölfjährige Effie. Die Heirat aber war nicht Ruskins eigene Idee, sondern wurde den beiden von Familie und Freunden nahegelegt, da man durch die enge Bindung zwischen den beiden davon ausging, dass sie ein gutes Paar abgeben würden. 

Effie war an ihrem Hochzeitstag zwanzig Jahre alt, John Ruskin bereits neunundzwanzig. Inwieweit die beiden Partien glücklich mit der Entscheidung zu heiraten waren, ist nicht genau zu sagen. Es ist aber anzunehmen, dass besonders John Ruskins romantisches Interesse an Effie bald abklang, denn auf ihren gemeinsamen Reisen auf den europäischen Kontinent soll er sich lieber zurückgezogen und die Architektur studiert haben, als mit Effie zu sozialisieren. Tatsächlich soll er von Beginn an daran interessiert gewesen sein, seine Ehefrau wieder loszuwerden. Woran das lag, lässt sich heute nur noch spekulieren. Ruskin selbst soll gesagt haben, dass er Effie als Person langweilig gefunden hat, Effie schrieb später in einem mittlerweile berühmtberüchtigten Brief, dass John in der Hochzeitsnacht eine Eigenart ihres Körpers abstoßend gefunden hätte. Klar scheint zu sein, dass das Paar bereits in der Hochzeitnacht bemerkt haben soll, dass sie nicht füreinander geschaffen waren, denn die Ehe wurde nie vollzogen. Aber ist das wirklich so?

Dienstag, 5. Januar 2016

Mode 1910: Zwischen Krieg & Korsett

Französisches Abendkleid, 1911,
Metropolitan Museum of Art, Brooklyn
Museum Costume Collection at The
Metropolitan Museum of Art, Gift of the
Brooklyn Museum, 2009; Gift of
Mrs. Frederick H. Prince, Jr., 1967
Die 1910er sind ein bewegtes Jahrzehnt. Sie beenden die Belle Époque, sie beenden das edwardianische Zeitalter, sie beenden das deutsche Kaiserreich und die Ära der Romanows in Russland. Der politische und gesellschaftliche Umbruch, auf den Europa schon seit einigen Jahrzehnten zuschlittert, kommt plötzlich und verändert innerhalb weniger Jahre die Welt komplett. Im Jahr 1912 sinkt die Titanic und reißt rund 1500 Menschen mit sich in die Tiefe. Zwei Jahre später wird in Sarajevo der österreichische Thronfolger erschossen. Der erste Weltkrieg beginnt und dauert von 1914 - 1918, ein Krieg, wie er vorher noch nie dagewesen war. 1916 leitet das Easter Rising die Unabhänigkeit Irlands von Westminster ein.

1917 beendet die Oktoberrevolution die Zarenzeit in Russland, 1918 dankt der deutsche Kaiser ab. Doch nicht nur ist Europa durch den Krieg und große politische Umwälzungen erschüttert, auch schreitet die Technik immer weiter voran. Das Radio gewinnt an Einfluss und Beliebtheit, Albert Einstein stellt seine Relativitätstheorie vor, die ersten langen Spielfilme werden gedreht und die Kunst wird revolutioniert durch neue, moderne Formen. Kubismus, Expressionismus und Dada schocken die Menschen. Europa steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters und so schnell, wie sich die Gesellschaft des Jahrzehnts wandelt, so schnell macht auch die Damenmode den großen Schritt ins zwanzigste Jahrhundert mit, denn wie immer spiegeln sich politische und gesellschaftliche Ereignisse in der Kleidung. Gegen Ende des Jahrzehnts endet die Belle Époque entgültig und leutet das Jazz Age ein, die goldenen Zwanziger Jahre. 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Weihnachten in der Belle Époque

"Junge Frau dekoriert den Weihnachtsbaum" von
Marcel Rieder, 1898
Heute ist Heilig Abend. Ich hoffe, dass ihr ein schönes Weihnachtsfest verbringt, mit allem, was dazu gehört, gutem Essen, schöner Musik und ein paar Geschenken. Auch allen Lesern, die kein Weihnachten feiern, möchte ich ein paar schöne Wintertage wünschen. Zündet ein paar Kerzen an und macht es euch gemütlich, mit einem schönen Buch oder dem Gaiety Girl. Heute möchte ich euch erzählen, wie die Viktorianer Weihnachten gefeiert haben. Denn viele der Weihnachtstraditionen, die wir heute noch pflegen, stammen aus dem neunzehnten Jahrhundert.Welche das sind, erfahrt ihr jetzt.

Der Weihnachtsbaum - Von Deutschland in die weite Welt

Für viele Menschen gehört der Weihnachtsbaum zum Weihnachtsfest einfach dazu. Er wird geschmückt mit Lichtern, Kugeln, Lametta oder anderen Dekorationen. Auch die Menschen im neunzehnten Jahrhundert wussten den Weihnachtsbaum bereits zu schätzen, doch seine Geschichte beginnt bereits viel früher. Der Weihnachtsbaum, wie wir ihn heute kennen, ist eine deutsche Tradition, die sich gegen Ende des Mittelalters entwickelte. Der immergrüne Tannenbaum als Symbol für Leben lässt sich jedoch bereits in der Antike in vielen Kulturen finden und behält diese Bedeutung auch bis heute bei. Der deutsche Weihnachtsbaum, der besonders im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert immer mehr an Beliebtheit gewann, war meist geschmückt mit essbaren Dekorationen wie Äpfeln oder Süßigkeiten. Hierzulande setzte sich diese Tradition noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hin fort. Auch die Lichter auf dem Weihnachtsbaum sind erst seit dem achtzehnten Jahrhundert fester Bestandteil des Weihnachtsbaumschmucks. 

Montag, 2. November 2015

Colette - Die Chronistin der Belle Époque

Colette, ca. 1900
Quelle: vogue.it
Sidonie-Gabrielle Colette, viel besser bekannt als Colette,, war eine der einflussreichsten französischen Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ihre Karriere als Autorin erreicht ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren, 1948 wurde sie sogar für den Nobelpreis in Literatur nominiert. Diese Zeit in Colettes Leben werde ich natürlich auch behandeln, doch wie ihr sicherlich bereits bemerkt habt, ist das die Epoche nach der Belle Époque, also nicht das Hauptaugenmerk des Gaiety Girls. Allerdings war Colette auch während der Belle Époque kein unbekannter Name. Denn der Mythos Colette beginnt bereits im fin de siècle auf den Pariser Varietébühnen auf ganz andere Weise, als man es für eine gefeierte Schriftstellerin annehmen möchte.

Vom Dorf in die große Stadt 

Geboren wird Colette am 28. Januar 1872 als Sidonie-Gabrielle Colette als jüngstes von vier Kindern in Saint-Sauveur-en-Puisaye, einem kleinen Dorf in der Bourgogne. Ihre Familie war nicht als arm zu bezeichnen, hatte allerdings durchaus Geldsorgen. Trotzdem ging Colette zur Schule, bis sie siebzehn Jahre alt war. Im Jahr 1893, mit zwanzig Jahren, heiratet sie den Schriftsteller "Willy", der eigentlich Henri Gauthier-Villars hieß. Sie hatte ihn bereits im Alter von sechzehn Jahren kennengelernt. Henri war in Paris berühmt-berüchtigt, ein Bohemien des fin de siècle, der seine junge Ehefrau in die Pariser Künstlercafés und Literatursalons mitnahm. Colette, die das Dorfleben gewöhnt war, gefiel die Pariser Avantgarde mit all ihren Freiheiten. Colettes erste Romanquatrologie "Claudine", die ab 1900 erschien, verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen als Dorfmädchen in Pariser Künstlerkreisen. Die vier Romane erschienen allerdings zuerst unter dem Namen ihres Ehemannes - Willy. Henri war kein guter Ehemann. Er soll Colettes großes Talent erkannt und sie sogar eingesperrt haben, damit sie schrieb, betrog sie mit anderen Frauen und gab die Themen vor, die in den "Claudine"-Büchern vorkommen sollten. 

Freitag, 16. Januar 2015

Elisabeth - Die Frau, die nicht Kaiserin sein wollte

Elisabeth, 1862 - Ludwig Angerer
Jeder kennt sie als Sissi - ob gespielt von Romy Schneider in den beliebten Spielfilmen, als Zeichentrickheldin oder als Figur in unzähligen Theaterstücken und Musicals. Sissi ist eine Ikone. Meist dargestellt im ausladenden weißen Kleid, mit Diamanten im langen Haar. Sie ist als exzentrisch bekannt oder als romantisch, als etwas verschroben oder gar eingebildet und weltfremd. Doch wer war eigentlich Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, Kaiserin von Österreich-Ungarn?

Geboren wird das Mädchen, das später Kaiserin von Österreich werden sollte, als zweite Tochter des  Max Joseph in Bayern und seiner Frau Ludovica am Heiligen Abend 1837 in München. Sie ist die Enkelin des Königs von Bayern, Maximilian I., und die Nichte des Königs von Preußen, sowie von ihrer späteren Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie von Österreich. Da ihre Eltern kaum soziale Verpflichtungen hatten, wuchs Elisabeth, kurz Lisi, fern vom höfischen Geschehen auf und ihre Erziehung wurde ein wenig vernachlässigt. Oft verbrachte sie ihre Zeit lieber mit langen Ausritten oder mit ihrem Vater und ihren neun Geschwistern und versäumte ihren Unterricht. Niemand erwartete von Lisi, die gern zeichnete und immer unter Strom zu stehen schien, dass sie allzu gut heiratete oder irgendwelchen sozialen Pflichten nachkam, was sie zu einem selbstbewussten wilden Mädchen machte.